Aufsatz 
Lampert von Hersfeld, der Geschichtsschreiber König Heinrichs des IV. : [zwei Vorträge, gehalten im Geschichtsverein zu Cassel] / vom ... August Eigenbrodt
Entstehung
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unter Heinrich IV. hat Meyer von Knonau reichlich Gelegenheit sich mit den Angaben Lamperts zu befassen; auch hat er den Annalen Lamperts einen ausführlichen Excurs gewidmet. An die Tendenzlügerei des Hersfelder Mönches will Meyer von Knonau nicht glauben, wenn er sich auch gelegentlich Delbrückschen Anschauungen anschlieſst und auf Lamperts Schwächen mit Vorliebe hinweist. Einer grundsätzlichen Stellungnahme zu der Lampertfrage weicht Meyer von Knonau geflissentlich aus; er verlegt sich mehr auf die Einzelfälle. Wenn ihm auch eine gewisse Unbehaglichkeit überall da, wo Lampert in Betracht kommt, anzumerken ist, so übt er doch thatsächlich die Lampert- kritik mit groſser Behutsamkeit und Umsicht.

Der Herausgeber Lamperts, Holder-Egger zieht in drei dem Lampert gewidmeten Aufsätzen des Neuen Archivs sowie in der Vorrede und in den Anmerkungen seiner Sommer 1894 erschienenen Handausgabe sämtlicher Schriften von Lampert die in Vergessenheit geratene Delbrücksche Meinung wieder an das Licht. Den Ausgangs- punkt seiner Anschauung bildet die schon besprochene vita Lulh?i. Lampert war also parteigängerischer Tendenzlügner. Er machte zurecht, ergänzte willkürlich und erfand, und zwar schrieb er scheinbar objektiv, lieſs auch sein Werk von Erschaffung der Welt beginnen, um durch ein Werk von so unverfänglicher Form um so mehr auf die Hersfelder Mönche zu wirken. Denn Lampert verfolgte nach Holder-Egger mit seinem Werke die Absicht, die Abtei Hersfeld für die Sache des Gegenkönigs zu gewinnen. Es folgen dann noch weitere Vermutungen Holder-Eggers über die Person Lamperts und seine Beweggründe; ich lasse dies alles für diesmal unerwähnt, weil es sich dabei um subjektive Ansichten handelt, die ihre Bedeutung erst dann gewinnen, wenn der Beweis einmal für die behauptete Tendenz Lamperts und dann für seine subjektive Unwahrhaftigkeit bis zur Zweifellosigkeit erbracht werden kann.

Über diese Frage also müssen wir in erster Linie zur Klarheit gelangen. Dals sich die objektive Geltung des Lampert von Hersfeld in dem früher behaupteten Umfange nicht mehr behaupten läſst, darüber kann, wie ich schon jetzt vorausschicken will, heutzutage ein Zweifel nicht mehr bestehen. In einer ganzen Reihe einzelner Fälle muſs Lampert mehr oder weniger Unrecht gegeben werden; eine Reihe weiterer Fälle ist noch streitig; mit Sicherheit dürfen wir nur annehmen, daſs die bisherige Kritik das in Betracht kommende Material in tadelloser Vollständigkeit zusammen- gebracht hat.

Praktisch wichtig wird die angedeutete Frage, ob Lampert von Hersfeld absicht- lich Geschichte gefälscht und zu politischem Zwecke gefälscht habe, unter anderem namentlich für den ersten Sachsenaufstand von 1073/74. Für diesen Aufstand liegen sehr bestimmt vorgetragene, durch andere Quellen kaum gestützte Angaben Lamperts vor, Angaben des Inhalts, daſs sich die groſsen Reichsfürsten bereits damals mit dem Gedanken der Beseitigung des Salierkönigs ernstlich getragen hätten, Angaben also, mit deren Annahme oder Ablehnung die Reichsgeschichte eine veränderte Gestalt erhalten würde. Mit dieser Frage über die Reichsgeschichte von 1073/74 hängt wiederum noch eine andere Streitfrage zusammen, die man, um das Maſs der Ver-