Aufsatz 
Lampert von Hersfeld, der Geschichtsschreiber König Heinrichs des IV. : [zwei Vorträge, gehalten im Geschichtsverein zu Cassel] / vom ... August Eigenbrodt
Entstehung
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hörte; ferner beobachtet Ranke, daſs Lampert des Verständnisses für die rechtliche Seite der groſsen Streitigkeiten entbehrte. Am Schlusse seiner Abhandlung meint Ranke, dals Lampert trotz seiner Parteibefangenheit bei seiner Kenntnis der Personen und Ereignisse und durch ein angeborenes Talent nicht selten über seinen Standpunkt hinaus zu historischer Anschauung erhoben werde, so daſs die Hauptmomente der historischen Entwicklung bei ihm doch in aller ihrer Stärke erscheinen.(v. Ranlre, sämtl. Werke Bd. 51 p. 125 149.)

Rankes Kritik war also wesentlich eine erhaltende, zersetzend dagegen die Kritik, die Floto in seinem 1855 und 1856 erschienenen Werke:Kaiser fleinrich II. und sein Zeitalter geübt hat. Floto wirft dem Hersfelder Mönche völlige Partei- befangenheit vor, meint, er habe bei der Einholung der Nachrichten gar keine Sorgfalt angewandt, erzähle zuversichtlich, wo er gar nichts wisse, habe niegeschehene Dinge erdacht, habe ausgeschmückt, erfunden, gelogen. Eingehende Begründungen hat Floto seinen Urteilen nicht beigefügt.

Die späteren Kritiker folgten im allgemeinen den Spuren von Ranke oder den- jenigen von Floto; auch drehen sich die späteren Arbeiten wesentlich um die von Ranke und von Floto angeregten Einzelfragen. Nachdem 1871 Lefarth in einer sehr gehalt- vollen Dissertation über Lampert von Hersfeld die negative Kritik Flotos bekämpft und die Glaubwürdigkeit unseres Autors wenigstens für die dem Verständnisse Lamperts näher liegenden Verhältnisse verteidigt hatte, während er Lamperts Unzulänglichkeit für andere Gebiete willig zugab, erschien 1873 die Dissertation von Hans Delbrück:Uber die Glaubaürdigkeit Lamberts von Hersfeld'. Die Arbeit Delbrücks stellt nach Form und Inhalt eine wahrhafte Anklageakte dar; an 37 konkreten Beispielen soll sie den Beweis erbringen, daſs Lampert ein Tendenzlügner war, der unter der Maske der Objektivität um so erfolgreicher die Geschichte zu fälschen vermochte. Lampert erfand Thatsachen und deren Konsequenzen, um sich nicht durch Widersprüche selbst zu widerlegen; durch absichtliches Verschweigen, tendenziöses Erfinden, stilistische Kunststücke und geschickte Gruppierungen verstand er es, den Leser gegen die Person des Königs einzunehmen.

Delbrücks Schrift veranlafste viele weitere Arbeiten. Die meisten Gelehrten ver- hielten sich skeptisch gegenüber der Behauptung von der subjektiven Unwahrhaftigkeit und Verschlagenheit unseres Schriftstellers. Die objektive Unhaltbarkeit vieler Angaben Lamperts, die Unrichtigkeit mancher seiner Urteile gab man indes immer mehr zu. Ein neuer Anstoſs zu der Lampertkritik kam 1879 durch die Marburger Dissertation von Ausfeld.Lambert von Hersſeld und der Zehntstreite. Der gelehrte und scharfsinnige Verfasser hält die Berichte Lamperts in der Zehntsache für unvollständig, zum Teil für falsch oder für entstellt. Ausfeld neigt zu dem Zweifel an der Wahrheitsliebe Lamperts, sucht aber schlieſslich die Erklärung lieber in Lamperts mangelnder Fähigkeit und in seinem mangelnden Verständnis für das Ganze der Reichsgeschichte bei stark entwickeltem Eifer für alles Hersfeldische.

Andere Doktoranden stellten wieder neue Gesichtspunkte auf: so will man ge- funden haben, daſs Lampert bei einzelnen Erzählungen Stellen aus Livius für den Ausdruck benutzte; nun glauben die Verfasser, die betreffenden Erzählungen seien ganz