Aufsatz 
Lampert von Hersfeld, der Geschichtsschreiber König Heinrichs des IV. : [zwei Vorträge, gehalten im Geschichtsverein zu Cassel] / vom ... August Eigenbrodt
Entstehung
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willkommen sein; Lamperts Nachrichten schienen zuverlässig, Lamperts Urteile wohl- gegründet und gerecht. Darum hielten sich alle älteren Darsteller der Zeit Heinrichs IV. gern an Lamperts Überlieferung; willig folgte man seiner Führung in dem Dunkel der ver- wirrten Zeit. Noch Giesebrechts Kaisergeschichte ist von dem Jahre 1069 im wesent- lichen an Lampert angeschlossen, und noch heute sind es Lamperts Meinungen über Heinrich IV., welche die Mehrzahl der nicht fachgelehrt Gebildeten beherrschen. Seitdem im Jahre 1855 L. v. Ranke und dann Floto mit Kritiken über Lampert hervor- getreten sind, ist bis zu diesem Jahre eine wahre Flut von Aufsätzen und Dissertationen über Lampert erschienen: ich zähle ungefähr 26 Arbeiten, die ausschlieſslich Lamperts Annalen gewidmet sind, mindestens ebensoviele gelegentliche Erwähnungen der seit 1855 brennend gewordenen Lampertfrage. Dabei ist bis auf den heutigen Tag völlige Klarheit noch nicht geschaffen. Ja, liest man die verschiedenen Ansichten über die thatsächlichen Angaben des Hersfelder Mönches, über seine Meinungen, über die Anlässe seiner Irr- tümer, über die Beweggründe seines litterarischen Handelns, die Vermutungen über Lamperts Person, sieht man, wie ihn die einen für einen groſsen Historiker, andere für einen hämischen Klatschbruder oder für einen raffinierten Geschichtsfälscher oder für einen verbohrten Parteigänger, wieder andere für einen gutherzigen, aber von Wahn- vorstellungen beherrschten Sonderling erklären, so glaubt man in dem Durcheinander der Meinungen, in dem manchmal leidenschaftlichen Widerstreite der gelehrten Anschauungen zurückversetzt zu sein in die Zeiten der Begriffsverwirrung, die in den Tagen von Tribur, Canossa und Forchheim geherrscht hat.

Ich kann mir nicht versagen, Ihnen aus der Lampertlitteratur wenigstens einiges vorzuführen; der Gang dieses Streites gewährt Ihnen einen interessanten Einblick in die Fragen der mittelalterigen Geschichtswissenschaft. Der groſse Historiker G. Waitz schrieb 1844(., ber die Entwcichlung der deulschen Historiographie im Mittelalter in Schmidts Zeilschr. Bd. 2 p. 97 ff.):Lampert ist wohlunterrichtet von den Begebenheiten und Verhältnissen, von dem Fernerliegenden weniger; er bekundet wahrhaft historischen Sinn, Einsicht und Urteil. Mit ruhigem, durch keine Leidenschaft gestörtem Sinne, mit einem wirklich über den Streitfragen stehenden Geiste schildert er die mannichfachsten Verwicklungen der Zeit. Mit Recht sei Lamperts Objektivität hochgepriesen; den Ruhm des besten mittelalterigen Historikers verschafft ihm auch seine klassische Form. Lamperts Darstellung ist mitunter fast zu teilnahmlos und verliert das individuell. Charakteristische.Wie ein erhabener Geist schwebt er unberührt hoch über dem bewegten Leben, und seinem klaren Blicke entwirren sich die Thaten der Menschen, so schrieb 1828 Stenzel in seiner Geschichte der fränkischen Kaiser(Bd. 2 p. 101 ff.).

1855 erschien Rankes Abhandlung:Zur Kritilr fränk.-deutscher Reichsannalisten. Ranke weist auf Lamperts Parteistandpunkt, seine mönchische Lebensanschauung hin; er meint, Lampert habe König Heinrich ungerecht beurteilt und sein Buch sei mit dazu angethan, die Wahl des Gegenkönigs zu rechtfertigen. Ranke beleuchtet eine Reihe einzelner Erzählungen Lamperts und gelangt zu der Überzeugung, daſs Lampert nicht immer genau unterrichtet war und darum auch nur so erzählte, wie er in seinem Kloster