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Die Erzählung Lamperts fällt mit der wachsenden Ausführlichkeit immer mehr aus dem streng chronologischen Rahmen der mittelalterigen Annalistik heraus, nur daſs die Zeitangaben nach Jahr, Monat und Tag selten weggelassen werden. Viel- fach treten Schilderungen auf, die eine ganze längere Entwickelung zum Gegenstande haben.— Leitartikelähnliche Auseinandersetzungen unterbrechen die Erzählung. Den Erzbischöfen Adalbert und Anno widmet der Verfasser ehrende Nachrufe, da er ihr Ableben berichtet ⁶).(L. p. 134. p. 242.) Inhaltschwere Entschlüsse des Königs werden mit Betrachtungen begleitet. Sonst liebt es der Verfasser, seine sehr bestimmt gehaltenen Urteile in die Erzählung völlig zu verweben, so daſs uns in Lamperts Annalen eine publizistisch zurechtgemachte Zeitgeschichte vorliegt.— Lamperts Urteil ist dem Könige Heinrich, wie ich schon früher hervorhob, immer mehr ungünstig geworden; das heiſst, so wie es uns scheinen muſs, Lampert glaubt das Thun des Königs miſsbilligen zu müssen; er glaubt auch an die Entartung in dem Charakter Heinrichs, dem er Sinnlichkeit, Härte, Starrsinn, Herrscherdünkel, Wortbrüchigkeit, Verblendung zum Vorwurfe macht. Daneben bringt Lampert auch Züge, die den König in vorteilhaftem Lichte erscheinen lassen, scheut sich auch durchaus nicht, Heinrichs Gegner zu tadeln oder ihnen Nachteiliges in seinen Bericht aufzunehmen?). So wahrt er zum mindesten den Schein der Gerechtigkeit.
Einen merkwürdigen Gegensatz zu Lamperts Bemühen um das innere Erfassen der Geschehnisse bildet der Wunderglaube des Verfassers. Mehrfach wird erzählt, wie Anhänger des Königs oder Gegner des Hersfelder Klosters eines plötzlichen Todes sterben, weil sie sich versündigt hatten. Ein hessischer Graf Namens Wernher hatte von dem Könige ein Gut erhalten, das bis dahin die Hersfelder Abtei genützt hatte. Nun beteten und fasteten die Hersfelder Mönche für die Wiedererlangung des verlorenen Kirchberg. Heiliger Zorn überkommt unseren Lampert über die spöttische Kuſserung eben dieses weltlich gesinnten Wernher, der König müsse sich freuen, daſs er auf diese Weise seine Mönche einmal zum Fasten gebracht habe. Nun erhält dieser Wernher, als er den König im Jahre 1066 auf die Reichsversammlung von Tribur begleitet, bei einer Schlägerei eine lebensgefährliche Verwundung und stirbt. Vor seinem Tode giebt er Kirchberg an Hersfeld zurück, und es ist zweifellos, daſs er durch die Gebete der Hersfelder Mönche das Leben verloren hat!(L. p. 101l.)— In solchen Dingen zeigt sich uns der Geschicht- schreiber Heinrichs IV. wieder völlig als ein Kind seiner wundergläubigen Zeit, während er in der vorhin gekennzeichneten Art seiner Geschichtsdarstellung, mag sie nun als gelungen zu betrachten sein oder nicht, bereits als literarischer Vorläufer einer modernen Richtung erscheint.
Der letzteren Eigentümlichkeit Lamperts, seiner pragmatischen, beziehungsweise mit subjektiven Zusätzen reich ausgestatteten Darstellung sind die merkwürdigen Schicks ale zuzuschreiben, die Lamperts Annalen in der heutigen Geschichtswissenschaft erleben muſsten. Habent sua fata libellil so sagt man sich, wenn man sieht, wie die Meinungen über den Wert von Lamperts Annalen im Laufe der Zeit gewechselt haben.— Zunächst verschafften Lamperts schriftstellerische Vorzüge seinem Werke unbedingte Geltung auch bei den Geschichtsgelehrten. Lamperts Ausführlichkeit muſste


