Aufsatz 
Lampert von Hersfeld, der Geschichtsschreiber König Heinrichs des IV. : [zwei Vorträge, gehalten im Geschichtsverein zu Cassel] / vom ... August Eigenbrodt
Entstehung
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verdanken wir Lamperts Annalen eine Reihe der wichtigsten Nachrichten. Der Ver- fasser wollte Zeitgeschichte schreiben, so wie sie ihm erschien. Die Person Heinrichs IV. steht dabei im Vordergrunde; darum findet in dem Werke Aufnahme, was den König betrifft und was den Verfasser aufserdem persönlich interessiert. In den Kreis dieses persönlichen Interesses gehörte in erster Linie alles, was die Abtei Hersfeld anging, für deren materielles Wohlergehen der Verfasser besonders lebhaft empfand, dann die Angelegenheiten einzelner Personen, die der Verfasser verehrte oder haſste: namentlich sind es Anno von Köln und Otto von Northeim, die sich des Wohlwollens von Lampert erfreuten. Auch Begebenheiten aus dem kirchlichen und aus dem Kloster- leben werden mit Vorliebe erzählt: ich nenne den Rangstreit zwischen dem Bischofe Hezilo von Hildesheim und dem Abte Widerad von Fulda, der sich Pfingsten 1063 in Anwesenheit des dreizehnjährigen Heinrich in der Kirche von Goslar erhob und zu einer blutigen Schlägerei an heiliger Stätte führte. An diesen Streit schloſs sich in der Folge eine Klosterrevolte in dem Hersfeld benachbarten Fulda.(L. p. 82.)

Die Sicherheit der Berichterstattung, also auch ihre Zuverläſsigkeit, ebenso das innere Verständnis für das Geschehende nimmt mit der Entfernung des Ver- fassers von dem Schauplatze der Ereignisse auffallend ab. Uber die Geschehnisse, die sich um die Person des Königs vollzogen, über Ereignisse an einzelnen Bischofsitzen, Klöstern und auch Fürstenhöfen Deutschlands scheint Lampert viel erfahren zu haben, wenn er auch nicht immer alles genau erfuhr oder auch richtig auffaſste. Sonst liegt ihm am nächsten Hersfeld und Thüringen, weniger nahe schon Sachsen. Amtliche Schriftstücke standen Lampert nicht zur Verfügung; auf welche Weise er im einzelnen Falle seine Nachrichten bezog, läſst sich nicht mehr ausmachen.

Merkwürdig unsicher wird Lampert, sobald er entfernter liegende Dinge zu berichten hat. Den Ungarnfeldzug des Königs von 1060 erzählt er nur insoweit richtig, als der Markgraf Wilhelm von Thüringen in Betracht kommt). Über Italien und die Dinge an der Curie hat Lampert ganz nebelhafte Vorstellungen. Heinrichs Streit mit Gregor begriff Lampert gar nicht: was er hierüber erzählt, hat nur Geltung für die rein äuſserlichen Geschehnisse, zum Beispiel die Reise Heinrichs über die Alpen- Hier, in dem plötzlich an die Offentlichkeit getretenen Widerstreite zwischen Heinrich und Gregor, bei dem für Nichteingeweihte überraschenden Zusammengehen des Papstes mit des Königs heimischen Feinden, hier, wo sich die Lage von Woche zu Woche immer- während verschob, unberechenbar selbst für die Hauptträger der groſsen geschichtlichen Handlung, hier geht dem schlichten und wundergläubigen Mönche von Hersfeld der wirkliche Zusammenhang auch in der Reichsgeschichte mehr und mehr verloren, so daſs der letzte Teil seines Werkes historiographisch als der schwächste betrachtet werden muſs. Ob er dies selber fühlte? ob er in diesem Gefühle die Feder niederlegte, als der Bürgerkrieg zwischen König Heinrich, dem zu Canossa unerwartet Wiedererstandenen, und dem Gegenkönige Rudolf entbrannte? Ich. werde auf diese Frage vielleicht noch einmal zurückkommen.