Aufsatz 
Lampert von Hersfeld, der Geschichtsschreiber König Heinrichs des IV. : [zwei Vorträge, gehalten im Geschichtsverein zu Cassel] / vom ... August Eigenbrodt
Entstehung
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geschichte von Hersfeld und das Leben von Lullus sind formvollendet wie die Annalen auch; hinsichtlich der Erforschung der Vergangenheit sind sie ohne Sinn für die Auf- gaben des Historikers gearbeitet, ohne Benutzung des Hersfelder Archivs, ohne Kenntnis der Zustände früherer Zeiten: ein Gemisch überlieferter Züge aus der Geschichte des Lullus bezw. des Hersfelder Klosters mit Sagenhaftem und Wunderbarem, eine Dar- stellung, welche in dem Leben von Lullus in mittelalteriger Weise aus den Lebens- beschreibungen anderer Heiligen ganze Züge, ganze Sätze in die eigene Erzählung herübernimmt: hervorragend ist dabei die Geschicklichkeit, mit der es Lampert verstanden hat, die also zusammengerafften Einzelheiten zu einem Ganzen zu verweben.

Aus diesem Umstande nun einen Schluſs auf Lamperts Zeitgeschichte zu ziehen, zu meinen, der Verfasser wäre bei der Ermittelung der von ihm berichteten Thatsachen ebenso oberflächlich zu Werke gegangen wie in dem Leben des Lullus, diesen Schluſs halte ich für voreilig. Denn es handelt sich um zwei grundverschiedene Materien: um die Vergangenheit, an der inhaltlich dem Verfasser nichts lag, so wenig wie seiner Zeit überhaupt, soweit sie nicht für die Gegenwart unmittelbar benutzt, zum Beispiel für die Verherrlichung von Hersfeld herangezogen werden konnte, und um die Gegenwart, deren Treiben der Verfasser mit seinem Interesse und auch mit seinem Verständnisse voll angehörte. Manche Neueren sind nun auf den trüge- rischen Schluſs verfallen, die Annalen Lamperts ganz und gar nach dem Leben des Lullus zu beurteilen; ja Holder-Egger, der neueste Herausgeber Lamperts, scheint eben nur von der vita Lulli aus zu seiner der Glaubwürdigkeit Lamperts sehr ungünstigen Meinung gelangt zu sein. Indes zeigt uns schon die Betrachtung des Annalenwerkes selbst, wie miſslich es ist, bei solchen Schluſsfolgerungen Dinge zusammenzubringen, die gerade auseinander gehalten werden müssen.

Die Annalen Lamperts nämlich zeigen uns zwei verschiedene Seiten in Lamperts Historiographie. In der einen Beziehung steht Lampert noch völlig auf dem Boden der übrigen Annalisten, in der äuſseren Anordnung und in der inneren Auffassung des Stoffes. In anderer Hinsicht entwickelt Lampert Besonderheiten; moderne Töne klingen bereits vor. Man hat sich mit Recht darüber gewundert, daſs ein Mann von Lamperts Geschmacke, ein Schriftsteller, der in der Zeitgeschichte von dem annalistischen Gebrauche vielfach abfiel, an vielen Stellen eine feuilletonistische, leitartikelnde Behand- lung fand, daſs ein solcher Schriftsteller gleichwohl die mittelalterige Gewohnheit bei- behielt und sein Werk wie die anderen Annalisten auch mit Erschaffung der Welt beginnen mochte. So zerfallen Lamperts Annalen in zwei Teile: der erste Teil etwa bis zum Jahre 1042 behandelt die Weltgeschichte von Adam an in der gewöhnlichen, mittelalterigen Form: der Verfasser schreibt vorliegende ältere Annalen, hier zum längeren Teile die alten Hersfelder Annalen wörtlich und kritiklos aus mit nicht minder kritiklosen Zusätzen, die sich meist auf Hersfeldisches, zum Beispiel auf die Zehntsache beziehen. In diesem älteren Teile finden wir keine schriftstellerische Eigentümlichkeit entwickelt. Mit der selbsterlebten Zeit verändert sich das Werk. Von Heinrich III. an(1039) wird die Erzählung ausführlicher, noch mehr in den letzten Jahren Heinrichs III.