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Der Schriftsteller, dessen Besprechung der heutige Abend gewidmet ist, Lampert von Hersfeld, der Geschichtschreiber König Heinrichs des Vierten, ist Ihnen allen wohlbekannt. Haben Sie vielleicht auch nicht alle den Namen des Mannes erfahren, der Lampert geheiſsen haben soll und jedenfalls als Benediktinermönch in Hersfeld gelebt hat, so kennen Sie doch seine Erz ählungen. Ich erinnere an den Königsraub von Kaiserswerth, da Anno von Köln den zwölfjährigen Heinrich auf das Schiff lockte und dann unerwartet entführte, an den Erzbischof Adalbert von Bremen, der gewissem Gerede zufolge den Begehrungen des königlichen Knaben Spielraum lieſs, um den Knaben politisch leichter zu beherrschen, an Heinrichs mehrtägige Flucht von der Harzburg nach Eschwege und Hersfeld, an Heinrichs angebliche Vorladung vor die römische Fastensynode, an seinen Bittgang nach Canossa, seine winterliche Reise über die Westalpen, seine damalige Geldnot, an seine Bufse vor dem Papste, an die Abendmahlsscene in der Kirche von Canossa, da Heinrich die gebotene Hostie zurückgewiesen haben soll, weil er sich in gewisser Hinsicht nicht sündenfrei fühlte. Diese und andere Erzählungen lernten wir als Kinder in der Lampertschen Darstellung kennen und tragen sie also im Leben mit uns herum, obwohl die wissenschaftliche Kritik inzwischen die Unrichtigkeit von vielen dieser Einzelheiten sicher erwiesen hat. Das hervorragende Darstellungstalent des Hersfelder Mönches hat seinem Werke diese Bedeutung verschafft, daſs man die Schilderung der ersten Zeiten Heinrichs des Vierten gern seiner Darstellung entnimmt. Die Kunst der Erzählung beherrscht Lampert wie keiner: in den Reden, die er halten läſst, milſsfällt uns zuweilen die Weitschweifigkeit, der Wortschwall; aber Lamperts Erzählung, seine Wiedergabe von Geschehnissen und von Zuständen spricht immer an, reiſst sogar hin, auch in der angelernten Kunst- sprache, in der er schreiben muſste. Dabei ist Lamperts Latein sorgfältig geschult, in Bezug auf den Ausdruck wenigstens fast korrekt zu nennen.
Lampert lebte als Benediktinermönch in dem seit den Zeiten der Karolinger litterarisch wohlberühmten Kloster Hersfeld. Seine Abtei nahm an der Geschichte Heinrichs des Vierten reichlich Anteil: mehrfach kehrte Heinrich im Hersfelder Kloster ein. Der Abt von Hersfeld war selbst ein ansehnlicher Reichsfürst. Hersfeld lag an dem Wege, der die thüringischen Gebiete mit den Main- und Rheingegenden verband. Zweimal während des Zeitabschnittes, den unser Lampert behandelt, war es die Umgegend von Hersfeld, in welche König Heinrich der Vierte seine Lehnsträger zum Kampfe gegen die sächsischen und thüringischen Empörer entbot.
Aulſserdem stand die Reichsabtei Hersfeld zur Zeit Heinrichs des Vierten im Mittelpunkte eines lebhaften Streites, des Thüringer Zehntstreites. König Heinrich nahm von dem Augenblicke an, da er selbständiger zu regieren anfing, in mehreren Teilen des Reiches wichtige Neuerungen vor; meist handelte es sich um die Wieder- herstellung alter Rechte auf Kosten eingerissener Gewohnheiten. Auch Thüringen und damit die Abtei Hersfeld wurden durch eine solche Neuerung des jungen Königs betroffen. Nämlich die Klöster Fulda und Hersfeld besalsen in Thüringen eine grolse Anzahl eigener Güter; ihnen gehörten auch eine Reihe thüringischer Kirchen. Die


