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ohne die Stütze, welche die griechischen und römischen Schriftsteller an der überkommenen geistigen Bildung der antiken Gesellschaft hatten, welche der heutige Gelehrte aufserdem an einer gründlichen fachmännischen Schulung findet. Gewiſs befanden sich hoch- bedeutende Geister unter den Geschichtschreibern des Mittelalters, und war ein solcher Mann durch nahe Beziehungen zu der Person eines groſsen Herrschers den Stätten des geschichtlichen Werdens näher getreten, so erhob sich sein Geschichtswerk zu einer achtungswerten Leistung: ich nenne Einhard, den Geschichtschreiber Karls des Groſsen, Otto von Freising, den Zeitgenossen und Freund von Friedrich Barbarossa. Aber die hervorgehobene Einseitigkeit in Berichterstattung und Urteil, der Mangel an Ubersicht, zumal der Mangel an juristischer und staatsmännischer Schulung war auch diesen Männern eigen, und andere, durch die Umstände weniger begünstigte, dem Mittelpunkte des geschichtlichen Werdens ferner wohnende Darsteller schrieben von der örtlichen Be- schränktheit ihres Klosters oder ihres Bischofsitzes über die Reichsgeschichte, so gut sie es vermochten: sie überlieferten dann genauer und zuverlässiger nur über die nähere Umgebung; über das ihnen ferner Liegende werden sie wortkarger, je nach Geistesanlage auch verschwommen, oder sie bringen Einzelheiten, denen das einende Band abgeht.
Eine weitere Eigentümlichkeit der Geschichtschreibung des Mittelalters liegt in der Sprache. Die Geschichtsquellen sind bis zur Hohenstaufenzeit ausschlieſslich in lateinischer Sprache gehalten, in einer Sprache, die man erst lernen muſste, die, wenn auch noch so virtuos beherrscht, doch für die Spiegelung der Gedanken niemals vollkommen ausreichen konnte. Man übte sich damals an klassischen, nachklassischen oder auch mittelalterigen Vorbildern, wie sich zum Beispiel Einhard Sueton, andere wieder Einhard zum Muster nahmen; man entnahm dem Vorbilde ganze Redensarten oder auch Sätze, ja es scheint zuweilen, als ob eine solche vorbildliche Stelle selbst für die sach- liche Darstellung mitmaſsgebend geworden wäre. Der Klarheit des Denkens kam die lateinische Form, in der die Geschichtswerke des deutschen Mittelalters gehalten sind, bei den geistlichen Verfassern gewiſs nicht zu gute. Uns Neueren vollends erschwert sie die Forschungsarbeit ganz ungemein. Viele Schriftsteller schreiben ganz barbarisch, so daſs es eine Qual ist, sich durchzuwinden, und da jeder einzelne Schriftsteller sich seine eigene Phraseologie zurechtmachte, ohne dals er sich scheute, römische Ausdrücke in seinem eigenen Sinne zu gebrauchen, so muſs jeder mit einem mittelaltrigen Schrift- steller befaſste Gelehrte auch dessen sprachliche Besonderheiten sorgfältig studieren, wenn er sich vor Miſsverständnissen bewahren will.
Es bedingt dies eigentümliche Verhältnis für uns noch besondere Nebenaufgaben, die ich im einzelnen nicht entwickeln kann. Sonst fasse ich, was ich über die mittel- alterige Geschichtschreibung sagte, dahin zusammen: die mittelalterigen Geschichtsquellen, so achtungswerte Leistungen sie auch im einzelnen enthalten, gewähren der heutigen Geschichtswissenschaft die Unterlage nicht, auf der wir unsere heutige Darstellung aufbauen können wie die alte Geschichte auf den Geschichtswerken der klassischen Ver- gangenheit. Sie bieten Einzelheiten und in weitem Maſse unverstandene Einzelheiten, aus denen das Ganze herauszuarbeiten uns Neueren überlassen bleibt.


