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Völkerwanderungen und die Berührungen der Germanen mit den Römerreichen verdanken. Bei der gröſseren Einfachheit der darzustellenden Verhältnisse, vermöge ihrer hohen geistigen Bildung und gehobenen sozialen Stellung war es den Schriftstellern der Griechen und Römer vergönnt, die ewig klassischen Muster der Geschichtschreibung zu schaffen, die unsere Zeit mit ihren gesteigerten Ansprüchen an die Aufgabe des Historikers sich immer wieder vorzuhalten bemüht sein muſs.
Zwischen unserer heutigen Zeit und der Zeit des klassischen Altertums liegen die Jahrhunderte des Mittelalters. Die Würdigung des Mittelalters bietet der heutigen Wissenschaft gröſsere Schwierigkeit als Altertum und Neuzeit, darum auch die Be- schäftigung mit dem Mittelalter als die gründlichste Schule für den modernen Historiker gelten muſs. Auch das Mittelalter kannte eine Geschichtschreibung, der wir neben den überlieferten Briefen, Streitschriften und Urkunden die Kenntnis dieser eigenartigen Zeiten verdanken. Aber die mittelalterige Geschichtsaufzeichnung— ich meine die geschichtlichen Ausarbeitungen aus dem deutschen Mittelalter— ist weder mit der heutigen Historie noch mit den Schriftstellern des Altertums irgendwie zu vergleichen. Sie hat etwas ganz Eigenartiges gleich den Einrichtungen, Zuständen und Menschen dieser Zeiten.
Die deutschen Könige und römischen Kaiser seit Karl dem Groſsen standen in einer Vielheit von Beziehungen und zwar besonders gearteter, nicht immer klar gedachter Beziehungen, die der einheitlichen Auffassung, also auch der geschichtlichen Darstellung schon an und für sich die erheblichsten Schwierigkeiten bereiten muſste. Die Fäden liefen von der königlichen Pfalz zu den Lehnsträgern des ausgedehnten Frankenreiches im Binnenlande, an den Ost-, West-, Süd- und Nordmarken; sie gingen zu den Beherrschern von Polen, Böhmen und Dänemark, nach Ungarn und dem Westfrankenreiche, nach Byzanz und zu den Chalifen. Einen sehr wesentlichen Teil der mittelalterigen Kaiser- geschichte bildet bekanntlich die italienische Politik. Die hervorragendste Stelle nimmt die Beziehung zu den Päpsten ein. Wer konnte diese unendliche Verzweigung damals übersehen? Vermochte ein Mönch oder Weltgeistlicher leichthin zu beurteilen, wie die Haltung eines Königs zu den einzelnen Vasallen oder auch zu den Fragen der nordischen oder östlichen Politik im einzelnen Falle durch gleichzeitige Verwicklungen im Süden der politischen Sphäre des Reiches oder durch die Beziehungen zu dem Papste mit- bestimmt werden mufste? Hinzutritt, wie schon gesagt, die eigentümliche Unklarheit der politischen Aufgaben des Ostfrankenreiches überhaupt, die völlige Unbestimmtheit auf den wichtigsten Gebieten des Staatsrechtes und Kirchenrechtes, eine gewisse geistige Unreife, Unklarheit, sage ich, die den mittelalterigen Zeiten überhaupt anhaftet. Und wer waren die Geschichtschreiber oder Publizisten des deutschen Mittelalters? Welt- geistliche oder Mönche sind in Deutschland lange Zeit die einzigen Träger der Bildung gewesen: sie übernahmen auch die Aufgabe der Geschichtsaufzeichnung, Männer von achtbarem Fleiſse und ausreichender Kenntnis der Welt, in der sie gerade lebten, mochte diese Welt nun grols sein oder klein, Männer, die wir uns weder als kulturfeindlich noch als griesgrämig vorstellen dürfen, aber doch Männer mit ausschlieſslich formaler Bildung,


