1
Vortrag vom 29. 0Oktober 1894.
Hochgeehrte Versammlung!
Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen,— so sagt sich, wer aufmerksam Geschichte liest. Nicht nur die Zeiten werden anders, sage ich weiter; auch die Auffassung von den Erlebnissen, die man selbst durchgemacht, die das ganze Volk durchgemacht hat, ist immerwährendem Wandel unterworfen bei den Einzelnen und bei der Gesamtheit.
Wenn wir heute von Geschichte sprechen, so verstehen wir das Wort in dem geläuterten Sinne der modernen Wissenschaft erst unseres Jahrhunderts. Ein Geschicht- schreiber, wie wir ihn heute verlangen, soll auf geistiger Höhe stehen: nur hier eröffnet sich der umfassende Blick über die Vielheit der geschehenen Dinge. Groſse Anforderungen stellt die heutige Geschichtswissenschaft an den Geschichtsgelehrten. Nicht nur, daſs er staatsrechtliche und politische Kenntnis, ein gesundes und sicheres Urteil über Menschen und menschliche Verhältnisse besitzen muſs: die Beschäftigung mit der geschichtlichen Vergangenheit— und die heutige Geschichtschreibung befaſst sich doch vorzugsweise mit der mehr oder weniger entfernt liegenden Vergangenheit in weit höherem Maſse als mit der Zeitgeschichte, für deren Aufbewahrung heutzutage die Publizistik und die amtlichen Stellen zu sorgen haben— also die Erforschung der geschichtlichen Ver- gangenheit hat eingehende Altertumsstudien, gründliche Vertrautheit mit dem weit- schichtigen Quellenstoffe, sichere Handhabung der ausgebildeten Methoden der historischen Wissenschaft zur unerläſslichen Voraussetzung. Also muls der Geschichtschreiber Fach- gelehrter sein und Künstler zugleich. Denn die geschichtliche Darstellung bleibt nach wie vor eine Kunst.
Einfacher lagen die Verhältnisse im klassischen Altertume. Ich meine hierbei Geschichtschreiber wie Thuky dides oder Sallust, die sich die Zeitgeschichte zur Aufgabe setzten; denn für die selbsterlebten Zeiten bot ihnen die Erforschung des geschichtlichen Sachverhaltes weniger Schwierigkeit. Thukydides ist der Vater auch der modernen Geschichtschreibung: seine Art, das Geschehene darzustellen, gründlich durchforscht, geistig durchdrungen,— darzustellen nach Ursachen und Wirkungen, nach den Beweggründen der maſsgebend mitwirkenden Personen— die Geschichtschreibung des Thukydides ist bis auf den heutigen Tag in ihrer Art musterhaft, unübertroffen geblieben. Auch die Nachfolger des Atheners Thukydides in der griechischen und in der römischen Welt haben der Geschichtswissenschaft wesentliche Dienste geleistet, und schmerzlich vermissen wir in der deutschen Geschichte des angehenden Mittelalters die gebildeten Griechen und Römer, denen wir die Nachrichten über die germanische Urzeit, über die


