Aufsatz 
Die Schulreform Philipps des Großmütigen von Hessen
Entstehung
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Schule ausübte, ſpeciell in Heſſen durch den Eifer des Fürſten und des Volkes, für welches das Fun⸗ dament einer beſſeren Bildung in vorreformatoriſchen Zeiten ſchon gelegt worden war, noch erheblich geſteigert wurde. Zu dieſen bedeutenden Förderungsmitteln von mehr allgemeiner Natur kam nun im beſonderen, was nicht minder wichtig, die Einrichtung des Schulweſens ſelbſt, die einheitliche Ge⸗ ſtaltung desſelben, welche für eine gründliche Bildung höchſt wirkſam war. Die geſammte Erziehung der Jugend von den erſten Elementen an bis zur höchſten wiſſenſchaftlichen Stufe hatte gleichſam nur eine Seele. Scharfe Abgrenzung und mäßiger Umfang des Unterrichtsgebiets, Beſchränkung auf wenige und die trefflichſten Bildungsmittel, worauf ſich eine Reihe von Jahren hindurch alle Kraft concentrirte; klare Ziele, die von den erſten Anfängen an feſt und ohne jedes unſtäte Abſchweifen ins Auge gefaßt wurden; das alles gab dem Unterricht Sicherheit, feſte Haltung und kräftige Wirkſamkeit. Wohl konnte da Ausgezeichnetes geleiſtet werden, und Ausgezeichnetes in ſeiner Art wurde geleiſtet, wovon uns Lo⸗ tichius und andere den Beweis geben. Es iſt freilich nicht zu leugnen, und wir dürfen nicht darüber hinwegſehen, daß bei dieſer faſt ausſchließlichen Herrſchaft der humaniſtiſchen Studien außer anderen Bildungselementen, welche, wie wir oben geſehen, nicht die von Luther und Melanchthon geforderte Be⸗ rückſichtigung fanden, namentlich die Mutterſprache nicht zu ihrem Rechte kam. Aber wir dürfen auch auf der anderen Seite nicht verkennen, daß all' der Fleiß, der den fremden Sprachen zugewandt wurde, doch ſchließlich der Mutterſprache und der Production in derſelben zu gute gekommen iſt, daß die gründ⸗ liche und liebevolle Beſchäftigung mit den claſſiſchen Sprachen und Literaturen auf die Entwickelung unſerer Mutterſprache und unſerer Nationalliteratur den bedeutendſten Einfluß ausgeübt hat, einen Ein⸗ fluß, der um ſo belebender und erhebender und bildender ſein mußte, als es eben eine claſſiſche Literatur, eine Literatur von unvergänglichem Werth und unſterblichem Leben war, mit der jene Studien ſich be⸗ ſchäftigten. Daß der in den Schöpfungen der Alten, insbeſondere der Griechen, waltende Geiſt, der ewige Geiſt des Schönen und Erhabenen, ſeit Winkelmann, Leſſing und Herder maßgebend und beſtim⸗ mend für unſere Literatur, in den claſſiſchen Werken unſerer Dichterheroen wieder lebendig geworden iſt: das haben wir neben der unſerem Volke angeborenen Gabe der Receptivität, durch die es, wie kein anderes Volk der Erde, befähigt iſt, ſich in fremdes Geiſtesleben liebend zu verſenken, es zu durchdrin⸗ gen und zu reproduciren ¹), vornehmlich der fortgeſetzten Ausbildung, Erweiterung und Vervollkommnung der altclaſſiſchen Studien zu verdanken; und zu dieſer hochwerthvollen, unſchätzbaren Wirkſamkeit der letzteren hat der Humanismus der Reformationszeit das iſt ſein nicht zu ſchmälerndes Verdienſt um unſere vaterländiſche Sprache und Literatur den feſten und ſicheren Grund gelegt. Ein ſolcher Grund aber hätte ſchwerlich gelegt werden können, wenn der Humanismus nicht feſten Fuß in den Schulen gefaßt und die Stellung in ihnen verlangt hätte, welche ihm durch die Reformation geſichert wurde. Eine Theilung und Zerſplitterung der Kräfte in dieſem Stadium, welche die erſprießliche Ar⸗ beit des Humanismus geſtört, würde verhängnisvoll für die Entwickelung unſerer Cultur gewor⸗ den ſein.

In dieſem, dem evangeliſchen, chriſtlich⸗humanen Geiſte alſo, in dem Sinne der Verſchmelzung der Ideen der Reformation und des Humanismus und der weiſen Beſchränkung auf dieſe einfache, aber die ganze Perſönlichkeit erfaſſende, kräftigſt wirkſame, zur wahren Verwirklichung des menſchlichen We⸗ ſens führende ernſte Geiſtesarbeit, waren die durch Landgraf Philipp verbeſſerten und neu eingerichteten Schulen angelegt; in dieſem Geiſte waren ſie beſtimmt, die Bildung des heſſiſchen Volkes an ihrem Theile zu fördern und zu heben, und in dieſem Geiſte wirkten Univerſität und Schule unter zum Theil

¹) Cfr. A. F. C. Vilmar, Geſch. d. deutſchen Nationalliteratur S. 6.