Aufsatz 
Die Schulreform Philipps des Großmütigen von Hessen
Entstehung
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richtige Verhäͤltnis zwiſchen ihnen noch nicht gefunden)y. Dahingegen brachte in Beziehung auf die letztgenannten Punkte ſchon die nächſte Zeit Abhülfe, und zwar waren es die beiden Nachfolger Philipps, Wilhelm der Weiſe und Moritz der Gelehrte, welche ſich in dieſer Hinſicht verdient machten. Unter dem durch wiſſenſchaftliche Bildung, namentlich in der mit beſonderer Vorliebe betriebenen Mathematik, aus⸗ gezeichneten Landgrafen Wilhelm dem Weiſen brachen ſich die Grundſätze der großen Methodiker Trotzen⸗ dorf und Sturm immer mehr Bahn. Landgraf Moritz der Gelehrte aber, vielſeitig gebildet und mit den inneren Bedürfniſſen der Schule wohlvertraut, er verfaßte ſelbſt mehrere Lehrbücher zum Schul⸗ gebrauch ²), veranlaßte die Einführung der Lehrbücher des Ramus, eines bedeutenden franzöſiſchen Gelehrten reformirter Confeſſion, des erſten Humaniſten mit ſtark realiſtiſcher Färbung, der auf das Schulweſen ſeiner Zeit in einem großen Theile von Deutſchland, zumal in dem confeſſionsverwandten Heſſen, einen großen, noch nicht hinreichend gewürdigten Einfluß ausübte ³).

Zu dieſen, die innere Organiſation der Schulen betreffenden Mängeln kam aber für den An⸗ fang noch, wie wir hier vorwegnehmen müſſen, ein äußerer ſehr erſchwerender Umſtand in der unzu⸗ reichenden Dotation der Schulen hinzu, welcher die Folge hatte, daß es nicht allein an den nöthigen Lehrmitteln, ſondern auch, da die Lehrer wegen zu geringer Beſoldung häufig wechſelten, nicht ſelten an tüchtigen und erfahrenen Lehrern fehlte. Dieſer Misſtand, unter den genannten unſtreitig der größte, war es, welchen der praktiſche Landgraf Philipp vor allen anderen ins Auge faßte, und zu deſſen Be⸗ ſeitigung er, wie wir noch ſehen werden, alles that was nur irgend geſchehen konnte.

Kann nun auch das Vorhandenſein ſolcher Mängel bei einer völlig neuen Schöpfung durchaus nicht Wunder nehmen, da der menſchliche Geiſt nicht alles zu einer Zeit vermag: ſo mußte doch natür⸗ licherweiſe die Wirkſamkeit der neuen Schulen dadurch beeinträchtigt und gehemmt, die Erfüllung der ihnen geſtellten Aufgabe nicht wenig erſchwert werden. Wenn wir nun deſſenungeachtet dennoch finden, daß die Zwecke, welche bei der Reform der Schulen ins Auge gefaßt waren, im ganzen und großen erreicht, daß für Bewahrung und Befeſtigung der evangeliſchen Lehre geſorgt, für Kirche und Staat tüchtige Männer herangebildet ¹), überhaupt höhere Bildung und Sittlichkeit weſentlich gefördert wurde: ſo muß dieſes Reſultat in der That um ſo erfreulicher ſein, und wir werden den fördernden und unter⸗ ſtützenden Umſtänden, welche den erſchwerenden und hemmenden gegenüberſtanden und die überwiegenden waren, ein um ſo größeres Gewicht beilegen müſſen. Es iſt ſchon früher hervorgehoben worden und muß an dieſer Stelle wiederholt daran erinnert werden, wie der bedeutende Einfluß, welchen das durch die Reformation geweckte rege Intereſſe für die geiſtigen Güter überhaupt auch auf dem Gebiete der

¹) So griff die gegen Ende des 16. Jahrh. durch Landgraf Moritz den Gelehrten errichtete Hofſchule zu Caſſel viel⸗ fach in das Gebiet der Univerſitäͤt über, und noch mehr gilt dies von der im 18. Jahrh. durch Landgraf Karl unter dem Namen Collegium illustre Carolinum zu Caſſel gegründeten Schule.

²) Er verfaßte eine Synopsis religionis christianae und poétices methodice conformatae libri duo und begann eine deulſche Grammatik zu ſchreiben. Seine Schulordnung ſteht als eine der beſten in Deutſchland erſchienenen da und iſt noch jetzt muſtergiltig. Efr Rommel B. VI. Buch V. Beil. 591 ff..

³) Die für viele Schulen Deutſchlands maßgebende Wirkſamkeit dieſes bedeutenden Schulmannes, welcher die von Raumer mit dem Namen Verbal⸗Realismus bezeichnete Richtung vertrat, gleichwohl aber von letzterem mit Stillſchweigen über⸗ gangen wird, bildet einen Wendepunkt in der neueren Geſchichte des Unterrichtsweſens, und auf ihn ſind die Anfänge der Reformbewegung, welche Raumer an das Auftreten von Ratich und Comenins knüpft, zurückzuführen.

) Nur einige wenige mögen hier verzeichnet werden, und zwar von dem Pädagog zu Marburg: Jac. Hermann, nachmals Arminius gen., der berühmte Stifter der Remonſtrantenpartei in Holland; Klotz, heſſiſcher Kanzler; R. Goclenius, Profeſſor zu Marburg; von dem Gymnaſium zu Hersfeld: Walther, Profeſſor in Gießen; Leuchter, Kirchner, Menzer, welche bei den Religionsſtreitigkeiten des Landgrafen Mori eine wichtige Rolle ſpielten; von der Caſſeler Schule: Negidius der Jüngere, Profeſſor der Ethik zu Marburg; die heſſiſchen Kanzler R. Scheffer und Joh. Kleinſchmidt; der lippeſche Kanzler Joh. Schneydewindt; von der Schule zu Eſchwege aus einer etwas ſpäteren Zeit: M. Joh. Hütterodt, der einen bedeutenden Antheil an der Schulordnung des Landgrafen Wilhelm VI. hatte.

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