Aufsatz 
Die Schulreform Philipps des Großmütigen von Hessen
Entstehung
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15 Einrichtung, beſonders aber durch weiſes Maßhalten ¹) vor anderen gleichzeitigen Grammatiken, wie na⸗ mentlich der des gelehrten Camerarius, vortheilhaft auszeichnet. Im uͤbrigen dürfte nur noch hervorzu⸗ heben ſein, daß auch in den heſſiſchen Schulen ganz beſonders die beiden Punkte betont wurden: das Lateinſprechen und die Uebung in der Technik des Versbaues. Dem Zwecke des Lateinſprechens, welches in den Schulgeſetzen des Negidius mit beſonderem Nachdruck eingeſchärft wird es wird die prima lex post praecepta divina genannt dienten unter anderem auch die nicht ſeltenen Aufführungen la⸗ teiniſcher Schulcomödien und geiſtlicher Spiele, und dazu mußte allerdings die Comödie, da ſie die Con⸗ verſationsſprache repräſentirt, beſonders geeignet erſcheinen. Um jedoch die Anſtöße der alten Comödie zu beſeitigen, welche wunderbar genug von ſpäteren Schulmännern, ſelbſt religiöſen wie Sturm, darum nicht beanſtandet wurde, mögen wohl auch hier, wie überhaupt in der Reformationszeit, von den Lehrern ſelbſt lateiniſche Stücke geſchrieben worden ſein 2). Daß ſodann auch die Technik des lateiniſchen Versbaues tüchtig geübt wurde, geht nicht allein aus der Gewandtheit eines Negidius, eines Goclenius, zweiten Nachfolgers des vorigen im Rectorate zu Caſſel, und anderer Schulmänner in der Anfertigung lateiniſcher Gedichte ſelbſt aus dem Stegreife hervor, ſondern iſt auch aus den metriſchen Anweiſungen in dem Iſagogicus des Negidius zu ſchließen. Dieſe Grammatik des Negidius, auf welche wir hier zum zweiten Male zu ſprechen kommen, iſt in mehr als einer Beziehung beachtenswerth. Außer dem ſchon gerühmten grammatiſchen Theile enthält nämlich der Iſagogicus mehrſtimmig geſetzte Geſänge zur Ein⸗ übung heroiſcher, elegiſcher und lyriſcher Metra, zugleich ein Beweis, daß die Muſik nicht vernachläſſigt wurde; er iſt ferner durch ein compendium legum scholasticarum lehrreich und anziehend und endlich ſehr bezeichnend für den chriſtlichen Standpunkt des Verfaſſers wie der Schulen, überhaupt der damaligen Zeit, indem er als Einleitung und Schluß in lateiniſcher Sprache den Dekalog, das Symbolum, la⸗ teiniſche und deutſche Tiſch⸗ und andere Gebete enthält.

Der innere Zuſammenhang zwiſchen Schule und Univerſität und die dadurch bedingte einheit⸗ liche und großartig einfache Geſtaltung des ganzen Unterrichts⸗ und Erziehungsweſens ſpricht ſich, wie in der Wahl der Unterrichtsgegenſtände und in der Art und Weiſe ihrer Betreibung, ſo endlich auch in der Disciplin aus, welche weſentlich in gleicher Weiſe in den höheren wie an der höchſten Schule des Landes gehandhabt wurde. Die Religion war dem Stifter dieſer Anſtalten der Grund und die Leuchte alles Wiſſens; in der Kraft des Evangeliums waren dieſe gegründet, und aus der Furcht Gottes als dem Anfang aller Weisheit war auch die Geſetzgebung derſelben abgeleitet. Davon geben Zeugnis die Schulgeſetze des Negidius das compendium legum scholasticarum in deſſen Grammatik gleicher⸗ maßen wie das Statut für die Univerfität Marburg 2). Männer, durch Frömmigkeit nicht weniger als durch gründliche wiſſenſchaftliche Bildung ausgezeichnet, ſollen, das wird gleich im Anfang des Statuts für die Univerfität Marburg hervorgehoben, aus dieſer hervorgehen.Unde viri Souaup6o, heißt es daſelbſt wörtlich, non minus eruditione quam pietate ¹) conspicui prodirent. Es wird in Cap. VlII. des Statuts beſtimmt, daß jeder Studirende ſich einem Profeſſor näher anſchließe, der ihm paedagogus

*) Der praeceptor Germaniae ſchrieb in dieſer Hinſicht vor: modus adhibendus est in locupletandis praeceptis, ne deterreantur adolescentes prolixitate. Corpus Reformatorum III, 1119.

1) Ein ſolches Stück ſcheint die durch den Schulmeiſter Chriſtianus zu Caſſel im ſtädtiſchen Kaufhauſe aufgeführte Comödie geweſen zu ſein, welche nach Rommel einen ſo großen Beifall erntete, daß Chriſtianus dafür vom Bärgermeiſter mit 3 Gulden honorirt wurde. Rommel B. V, S. 220.

³) Cfr. Statutegs und Copialbuch der Univ. Marburg v. 1529. ) Zu der pietas und eruditio kommt bekanntlich durch Sturm noch als ein drittes Ziel der Pädagogik dle olo- quentia hinzu..