Aufsatz 
Die Schulreform Philipps des Großmütigen von Hessen
Entstehung
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deren Studium er kräftigſt das Wort redete ¹). Indeſſen trifft der Vorwurf der Abweichung von den Vorſchriften der Reformatoren, welche in der einſeitigen Pflege der linguiſtiſchen Bildung und in der Vernachläſſigung der genannten Studien beſtand, doch mehr die Univerfitäten als die Schulen. Denn Luther forderte, daß die Mathematik und vielleicht war dies auch ſeine Anſicht in Betreff der übrigen Fächer mit Ausnahme der Muſik auf der Univerſität gelehrt werden ſolle 2). Damit ſagt er nun freilich nach der Beſchaffenheit des damaligen Schulweſens, in welchem die Grenze zwiſchen Univer⸗ ſität und Schule noch nicht ſcharf gezogen war nichts anderes, als daß dieſe Studien, ſpeciell die Mathematik, in einen höheren, ein reiferes Lebensalter vorausſetzenden, Curſus gehören; und er befindet ſich mit dieſer ſeiner Anſicht im Einklang mit der Einrichtung der mittelalterlichen Schule der beſſeren Zeit, alſo der Zeit Karls des Großen; denn damals war es das Quadrivium, welchem Arithmetik, Geometrie, Muſik und Aſtronomie anheimfielen; dieſes aber, etwa die Zeit vom 16. bis 19. oder 20. Lebensjahr umfaſſend, erſetzte größtentheils die zu jener Zeit noch nicht exiſtirenden Univerſitäten. Dieſe Anſicht der Reformatoren in Betreff der den genannten Fächern zukommenden Stellung, welche entſcheidend und, wie hinſichtlich der Mathematik nicht zu verkennen iſt, pſychologiſch wohl begründet war, ſowie jene Beſchaffenheit des Schulweſens bezüglich des Verhältniſſes der einzelnen Schularten zu ein⸗ ander, beide Momente dürfen nicht überſehen werden, wenn es ſich darum handelt, die Einrichtung der Schulen der Reformationszeit zu beurtheilen, nach welcher die linguiſtiſche Bildung die weitaus über⸗ wiegende, ja die faſt allein herrſchende war. Das Maß dieſer Vorherrſchaft iſt aus der Anzahl der für das Lateiniſche angeſetzten wöchentlichen Skunden erſichtlich, welche eine ſehr bedeutende war und ſich z. B. an der Schule zu Caſſel bei cca. 32 wöchentlichen Unterrichtsſtunden auf 23 bis 26 in den unteren, auf 17 in den oberen Claſſen belief. Anders verhält es ſich mit dem Religionsunterricht, auf deſſen Stellung und Bedeutung aus der dafür beſtimmten Stundenzahl nicht geſchloſſen werden darf. Man hatte nicht mehr als zwei wöchentliche Stunden für den Religionsunterricht, und doch war er die erſte und vornehmſte Lection; denn das ganze Leben der Schule war von chriſtlichem Geiſte durchdrun⸗ gen; der chriſtliche Glaube war das Leitende, die Seele, das Herz des ganzen Unterrichts ³).

Das Verhältnis der Schulen zur Univerſität, durch welches die Wahl der Unterrichtsgegen⸗ ſtände, wie die ganze Schuleinrichtung überhaupt, klar vorgezeichnet war, beſtimmte auch auf ebenſo ein⸗ fache und natürliche Weiſe die Art, wie der Unterricht in den Sprachen, insbeſondere in der lateiniſchen, ertheilt wurde. Es gilt hierüber im allgemeinen dasſelbe, was über die Art der Betreibung der huma⸗ niſtiſchen Studien auf der Univerſität Marburg, namentlich in Betreff der Uebungen in der Nachahmung und Nachbildung der Alten, geſagt worden iſt; letztere wurden auch hier ſehr häufig mündlich und ſchrift⸗ lich angeſtellt. Außerdem kam hier hauptſächlich die Grammatik in Betracht, und ſie wurde, wie Luther und Melanchthon gleich nachdrücklich verlangten, tüchtig getrieben. In mehreren Schulen, in der zu Caſſel und am Pädagogium zu Marburg ganz ſicher, war dem Unterricht eine vortreffliche Grammatik zu Grunde gelegt, der Isagogicus des Negidius), welche ſich durch gute Anordnung und methodiſche

¹) Von der ars physica dagegen hielt Luther nicht viel:die Kunſt iſt nichts, und Chriſtum zu vertilgen aufgekom⸗ men. Darum, lieber Menſch, laß natürliche Kunſt fahren, laß dir begnügen an dem, was dich Erfahrung und gemeine Weiſe lehret. Es liegt auch nicht macht daran, ob du alles wiſſeſt, es iſt genng, daß du weiſt, daß feuer heiß, waſſer kalt und feucht iſt, daß im ſommer andere arbeit denn im winter zu thun iſt.

²) Raumer I, S. 186..

³) Die Einrichtung der Schulen im beſonderen, die Claſſenzahl und die Vertheilung der Penſa auf die einzelnen Claſſen, wird hier nm ſo eher übergangen werden können, da hierüber der bekannte ſächſiſche Schulplan Melanchthons Auskunft gibt, der wohl auch in dieſem Punkte für den Anfang überall, ebenſo wie es in Caſſel nach Weber der Fall war, befolgt wurde.

fr. Weber a. a. O. S. 31. Ranmer I, 173 ff. *) Isagogicus rerum grammaticarum libellus etc. Erphordiae 1548. Weber a. a. O. S. 53.