Aufsatz 
Die Schulreform Philipps des Großmütigen von Hessen
Entstehung
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2 Landgrafen fand, auch ſeine Schriften, insbeſondere ſeine lateiniſche Grammatik und ſeine Schulgeſetze, welche beide den Verfaſſer wie das Bildungsideal der Zeit gleich trefflich charakteriſiren. Der lateiniſchen Schule zu Eſchwege ¹) ſtand er zuerſt, aber nur kurze Zeit vor, ſodann, nachdem er ſich noch einmal nach Wittenberg begeben, um Luther, Melanchthon und andere ausgezeichnete Theologen kennen zu lernen und zu hören, fünf Jahre lang der Schule ſeiner Vaterſtadt, hierauf zehn Jahre lang der Schule zu Caſſel und nachher ebenſolang als Pädagogiarch dem Pädagogium zu Marburg(bis 1560), von wo an er bis zu ſeiner Emeritirung(1575) der Univerſität angehörte ²). Die Stiftsſchule zu Wetter be⸗ hauptete ihren alten Ruhm, deſſen ſie ſich ſchon vor der Reformation erfreute, und erhöhte ihn noch unter Juſtus Vultejus dergeſtalt, daß von Marburg ſich manche Studirende dahin begaben, um unter ſeiner Leitung ihre Studien fortzuſetzen. Vultejus, welcher auch als Theolog hervorragte und namentlich bei den Verhandlungen der heſſiſchen Theologen über die lutheriſche Concordienformel eine bedeutende Rolle ſpielte, trat ſpäter als Pädagogiarch an Negidius Stelle und bekleidete daneben, wie früher erwähnt, das Amt eines ordentlichen Profeſſors der hebräiſchen Sprache an der Univerſität. Hier wie in ſeiner erſten Stellung zu Wetter wurden treffliche Schüler von ihm gebildet, unter ihnen ſein eigener berühmter Sohn, Hermann Vultejus, ein Juriſt von wahrhaft eleganter claſſiſcher Bildung, der als Profeſſor der griechiſchen Literatur und der Jurisprudenz, endlich als Vicekanzler und Staats⸗ mann glänzte.

Fragen wir nun zunächſt nach Character und Einrichtung dieſer Schulen, ſo finden wir beide mit völliger Klarheit durch ihren Zweck und dieſen ſelbſt wieder mit gleicher Beſtimmtheit durch das Bedürfnis, durch die Bildungsforderungen der Zeit feſtgeſtellt. Dem Bildungsbedürfnis von der früher bezeichneten Art, alſo dem Bedürfnis einer chriſtlich⸗humanen Bildung, welches nicht willkürlich gemacht oder künſtlich hervorgerufen, auch nicht bloß im Bewußtſein Einzelner oder Vieler, ſondern Aller, im ge⸗ ſammten Zeit⸗ und Volksbewußtſein gegründet war, konnte die Univerſität allein nicht volle Genüge thun. Es mußten Anſtalten vorhanden ſein, welche die nothwendige Vorbereitung zur Univerſität über⸗ nahmen. Dieſen Dienſt der Geſammtheit zu leiſten, das war die Aufgabe der neu eingerichteten und reorganiſirten heſſiſchen Schulen; die den Abſchluß gebende Univerſität war ihr Ziel. So waren dieſe Anſtalten, gleichwie die Univerſität, keine theoretiſchen Conſtructionen nach abſtracten Begriffen und Principien, keine unwahren und unwirklichen aprioriſtiſchen Gebilde, ſondern, wie es die Schule über⸗ haupt ſein ſoll, lebendige Organismen, naturgemäß herausgewachſen aus dem in dem Geſammtorganis⸗ mus, dem ſie angehörten, herrſchenden evangeliſch⸗chriſtlich durchdrungenen Bewußtſein, getragen von dieſem Bewußtſein, in ihm wurzelnd und lebend, und das Leben, das ſie von ihm empfangen, wieder zurückgebend. In dieſem Sinn, im Sinn der einheitlichen Geſtaltung der Schulen nach den die Ein⸗ richtung der Univerſität normirenden Principien, beſtimmte die Ordnung des Landgrafen Philipp für die Viſitatoren, Pfarrherrn u. ſ. w. vom J. 1537:die Schulen ſal man mit tuglichen, frommen ge lerten, Gotsfurchtigen Leuthen beſtellen Was ſie aber für ordnung der Inſtitution nach einer yeden ſchulen gelegenheit halten, ſollen die Profeſſores zu Marburg ordnen, und einer yeden ſchulen geſtelt werden, damit die Jugent vff eine weiſe gelert und angehalten werden möge 3).

Das Verhältnis der Schule zur Univerſität war zunaäͤchſt maßgebend und beſtimmend in Be⸗ ¹) Die Schule beſtand ſchon vor der Reformation; ſ. Schmincke, Geſchichte der Stadt Eſchwege S. 309. Nach ihrer Reorganiſation lieferte ſie ſchon im J. 1539 der Stipendiatenanſtalt zu Marburg, zu welcher nur wohlvorbereitete Schuͤler zugelaſſen wurden, vier Stipendiaten. ²) Cfr. K. Fr. Weber, Geſchichte der ſtädtiſchen Gelehrtenſchule zu Caſſel 1846. S. 49 55. ³) ſ. Landes⸗Ordnung I, S. 105.