10
inneren und äußeren Umſtände, wie, um von letztern nur dieſe zu erwähnen, der Lage der Stadt im Mittelpunkte Deutſchlands und ihrer an Naturſchönheiten reichen Umgebung, herbeigeführt wurde, trug außerdem noch ein bemerkenswerthes Moment bei, welches ſie zugleich von den dem allgemeinen Bil⸗ dungsziele nach völlig gleichartigen Hochſchulen innerhalb des Proteſtantismus, insbeſondere von ihrer älteren Schweſter, der Wittenberger Univerſität, unterſchied und ihr ein individuelles Gepräge gab. Es iſt dies dasſelbe Moment, welches die Thätigkeit des Landgrafen Philipp für die Sache der Refor⸗ mation auszeichnet und dieſem Fürſten eine über die Grenzen ſeines Landes und ſeiner Zeit hinaus⸗ reichende, bleibende Bedeutung ſichert, nämlich ſeine Bemühungen für die evangeliſche Union. Dem un⸗ heilvollen, die Action des Proteſtantismus lähmenden, ſeine nahezu vollendete Ausbreitung über ganz Deutſchland vorzugsweiſe verhindernden Gegenſatz der Lutheraner und Reformirten, dieſer in ihren noch heute nachwirkenden Folgen tief beklagenswerthen religiös⸗politiſchen Spaltung der Evangeliſchen gegen⸗ uͤber war es der Landgraf Philipp allein, der den Gedanken der evangeliſchen Union auf Grund der Gemeinſamkeit in den Principien mit aller ihm eigenthümlichen Lebhaftigkeit vertrat und ſein Leben lang mit unermüdlichem Eifer, wenn auch nicht mit ebenſo glücklichem Erfolge verfocht. Dadurch iſt er der Begründer der Idee der evangeliſchen Union geworden, die ſpäterhin von einem anderen, aber vielfach verwandten Fürſtengeſchlechte nach dem Vorgange des großen Kurfürſten von Preußens Königen unter gänſtigeren Verhältniſſen und darum auch mit glücklicherem Erfolg wieder aufgenommen worden iſt. Blieben nun auch die Bemühungen des Landgrafen für Deutſchlands religiös⸗politiſche Einigung leider erfolglos, in Heſſen wurde ſeine Idee verwirklicht. Der Geiſt der Einigung durch das Band des Frie⸗ dens gewann Leben in der Univerſität Marburg. Von der Schroffheit, mit welcher die augsburgiſchen Confeſſionsverwandten mehr und mehr den ſchweizeriſchen und oberdeutſchen Reformirten gegenüberſtan⸗ den, blieb die theologiſche Facultät zu Marburg fern. Neben einem Crato, Snepf und Draconites lehrten hier ein Lambert von Avignon und Geldenhauer aus Nymwegen, jene der ſächſiſchen Lehre, dieſe der ſchweizeriſchen zugeneigt, aber geeinigt durch die über dem Buchſtaben des Bekenntniſſes ſtehende evangeliſche Geſinnung). Segensreich wirkte die Univerſität Marburg in dieſem Geiſte ihres Stifters, der auch nach deſſen Tode unter dem Landgrafen Wilhelm dem Weiſen noch fortlebte. Aber unter Landgraf Moritz dem Gelehrten, Philipps Enkel, begann der Geiſt der Toleranz zu weichen. Während die Linie Darmſtadt, welche durch Philipps verhängnisvolles Teſtament ²) begründet war, durch die Er⸗ richtung der Univerſität Gießen ſich entſchieden dem Lutherthum zuwandte, führte Moritz, des Vaters und Großvaters Hinneigung zu der reformirten Lehre theilend, dieſe im weſentlichen in den Heſſen⸗ Caſſelſchen Landen, zu denen Marburg gehörte, ein. Dem confeſſionellen Gegenſatz reihte ſich dann bald der politiſche an. Im dreißigjährigen Kriege hielt Darmſtadt zum Kaiſer, Caſſel zu Schweden. Und
wo vordem Einheit und friedliches Zuſammenwirken, da war nun Spaltung und erbitterter Kampf. In der Univerſität Marburg, in ihrer Beſtimmung und Aufgabe, und in der Einrichtung, welche dieſer entſprach; in dem wiſſenſchaftlichen Leben, das zur Zeit ihrer Blüthe daſelbſt herrſchte, und
¹) Rommel III, B. VI, 389 und Anm. S. 245. Strieder a. a. O. Bd. II.
²) Der Hof Philipps des Großmüthigen war in Folge des hervorragenden Antheils, den dieſer Fürſt an der großen, alle Geiſter bewegenden Sache der Reformation nahm und, da er ſich dabei auf eine nicht unbedeutende Hausmacht ſüützte, mit Erfolg nahm, der Mittelpunkt der deutſchen, ja der europäiſchen Angelegenheiten geworden. Dieſe Lage wurde durch das unheilvolle Teſtament Philipps, welches die unter ihm vereinigten Lande zerſplitterte und dadurch die politiſche Bedeutung Heſſens vernichtete, gänzlich verändert. Es entzog den heſſiſchen Fürſten die Grundlage und Stütze eines beſtimmenden und entſcheidenden Cingreifens in die allgemeinen Angelegenheiten Deutſchlands, und die hohe Miſſion, zu der Heſſen ſchon durch
ſeine geographiſche Lage zwiſchen Nord⸗ und Süddeutſchland beſtimmt ſchien, und die Philipp erkannt und erfüllt hatte, gieng fortan auf Brandenburg über, das in demſelben Maße zu politiſcher Bedeutſamkeit in Deutſchland ſich emporhob, in welchem
diejenige Heſſens herabſank.


