Aufsatz 
Die Schulreform Philipps des Großmütigen von Hessen
Entstehung
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dern auch in realer Beziehung beſitzen die Humanitätsſtudien bildende Kraft in ausgezeichnetem Sinne durch die Erſchließung der reichen Schätze an Erkenntnis und Weisheit, welche in den Schriftwerken der Alten verborgen liegen; durch das Anſchauen und den Verkehr mit den plaſtiſchen Geſtalten einer ſchönen Menſchlichkeit, wie Griechenland, und einer feſten Männlichkeit, wie vorzüglich Rom ſie erzeugte; durch den Umgang mit den beſten Männern und größten Geiſtern des claſſiſchen Alterthums, welchen wir an der Hand dieſer Studien pflegen. Durch das Zuſammenwirken beider Momente werden die artes liberales in Wahrheit frei machende, veredelnde und den Menſchen ſeiner Beſtimmung zuführende Künſte. Die ernſte, eindringende und angelegentliche Beſchäftigung mit ihnen bewahrt vor Engherzig⸗ keit und Beſchränktheit der Scholaſtik und Sophiſtik, den ſchlimmſten Feinden wahrer, edler Menſchen⸗ bildung; verleiht den echten, lauteren Sinn für die einfache, ungeſchminkte Wahrheit; erweitert den Ge⸗ ſichtskreis über die Schranken der Fachwiſſenſchaften ¹); erhebt zu hochherziger, wahrhaft adeliger Ge⸗ ſinnung; kurz, ſie bildet alle die Eigenſchaften an, welche den 4%dyaν der Griechen, den gentleman der Engländer zieren, und welche die Humaniſten eben unter dem Namen humanitas be⸗ griffen. Nur das Eine was noth thut zur Seligkeit vermögen die Humanitätsſtudien nicht ſelber zu geben, aber ſie machen geſchickt dazu, es rein und unverfälſcht aus dem lauteren Quell der Offenbarung zu ſchöpfen; das höchſte Ziel aller Bildungsarbeit, die Gottmenſchlichkeit, die Erneuerung nach dem Bilde Gottes durch die Wiedergeburt, muß ihnen von dieſer gewieſen und aufgeſtellt werden, aber ſie ſtreben und laufen nach dieſem goldenen Ziele hin, indem ſie die Tendenz der edleren Menſchenbildung verfolgen. Aus dieſen Gründen, welche noch heute in den, durch den unvergeßlichen Rector von Rugby allgemeiner bekannt gewordenen, engliſchen Schulen allein maßgebend ſind, und um die in den Schätzen des Alterthums enthaltenen Bildungselemente recht anzueignen, galt es als eine Haupt⸗ ſache, in poetiſchem und proſaiſchem Ausdruck die Werke der Alten nachzuahmen und nachzubilden, eine Uebung, die mit ſolchem Eifer betrieben wurde, daß die NamenHumaniſt undPoet bald gleichbedeutend wurden. Zu dieſem Zwecke wurden ferner Wettſtreite in poetiſcher und proſaiſcher Rede, Declamationen oder redneriſche Vorträge, endlich Disputationen ²) über mannigfaltige Gegenſtände auch auf den Univer⸗ ſitäten, welche damals noch vieles aufnahmen, was in den Kreis der Schulbildung gehört und jetzt den. Gymnaſien anheim fällt, ſehr häufig und regelmäßig angeſtellt. So betrieb man die claſſiſchen Studien auch an der Univerſität zu Marburg, und es geſchah, in Folge der hervorragenden Tüchtigkeit der vom Landgrafen berufenen Gelehrten und Dank der von dem Landgrafen ſelbſt ausgehenden Anregung, welcher ſeine Achtung für die Wiſſenſchaften auf alle Weiſe bethätigte, mit einem ſo regen Eifer und mit ſo glücklichem Erfolg, daß die neue Hochſchule der Mutter des mit dem evangeliſchen Chriſtenthum innig verbundenen Humanismus, der Wittenberger Univerſität, an der ein Melanchthon lehrte, ſich würdig zur Seite ſtellen konnte.

Unter den Vertretern des Humanismus an der Univerſität Marburg ragten aus vielen anderen am meiſten hervor: Hermann von dem Buſch, aus einer adeligen Familie des Münſterlandes, zu Deventer mit Erasmus gebildet und von dieſem, dem weltberühmten Humaniſten, ſelbſt als Eben⸗

¹) Bekanntlich nnterſchied ſchon Ariſtoteles in ſeiner Ethik die Taldeic als diejenige Bildung, welche auf, die ganze Perſönlichkeit geht, Urtheil, Geſchmack, Empfindung, Charakter in Harmonie ſetzt, von der erετμμ τν οαων αos, der Sach⸗ und Fachkeuntniß, und verlangt von dem Guten und Schönen, daß er müſſe das Nothwendige und Niützliche thun können, aber noch viel mehr das Schöne.

²) Die Blüthe dieſer Disputationen, jedoch nicht im guten Sinne des Wortes, fällt in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts, wo ſie, ihres urſprünglichen Zweckes, bloße Schulübungen zu ſein, gänzlich entkleidet, zu Tummelplätzen des confeſſionellen Haders geworden waren. Cfr. Hirſch in ſ. Geſchichte des Danziger Gymnaſiums(S. 7 ff.)