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wirkung war, ſpiegelt ſich in der wiſſenſchaftlichen Bildung und Thätigkeit der Männer, welche für die claſſiſche Literatur berufen waren. Dieſe Gelehrten— theils ausländiſche, theils aus Heſſen ſelbſt ſtammende, aber auswärts, meiſt zu Erfurt gebildete Männer— waren nicht allein in den Geiſt des Humanismus eingeweiht, ſondern auch mit den Ideen der Reformation vertraut und widmeten ſich mit gleicher Hingebung und Treue dem Forſchen in der heiligen Schrift wie dem Studium der Claſſiker, aus beiden Quellen Erfriſchung, Nahrung und Befriedigung ſchöpfend für Geiſt, Herz und Gemüth. Dieſe Humaniſten waren Theologen, wie umgekehrt die Theologen an der Univerſität Humaniſten waren. Aber nicht bloß zur Theologie waren die claſſiſchen Studien in Beziehung geſetzt, und nicht bloß von den Theologen wurden ſie mit Vorliebe gepflegt. Juriſten, Philoſophen, Mediciner betrieben ſie mit nicht geringerem Eifer wie dieſe und empfahlen ein Gleiches auch ihren Schülern und Zuhörern auf das angelegentlichſte. In dieſem Eifer und dem unermüdeten Fleiße, womit Gelehrte aller Facultäten den Humanitätsſtudien ſelbſt oblagen und dazu anregten, ſpricht ſich die allgemein herrſchende Ueber⸗ zeugung aus, daß ſie, wie die Grundlage, ſo auch der Schmuck jeder wiſſenſchaftlichen Beſchäftigung ſeien, und daß es ein vorzüglicheres Bildungsmittel nicht gebe, als ein gründliches, bis zur Meiſterſchaft fortgeſetztes Studium der altelaſſiſchen Sprachen und ihrer Literatur. Dieſe Ueberzeugung war von weſentlichem Einfluß auf die Art und Weiſe, wie die claſſiſchen Studien damals in Deutſchland be⸗ trieben wurden.
Während der Humanismus in Italien die möglichſte Herſtellung des Alterthums erſtrebte und, freilich nicht ohne dabei viel Schaum aufzuwerfen, auch erzielte; und während der Humanismus in Frankreich, und bald nachher auch in Holland, eine vorherrſchend reelle Richtung nahm, deren Ziel die Erforſchung und Erſchließung des geſammten Alterthums war, wodurch der Grund zu einer ſelbſtän⸗ digen Alterthumswiſſenſchaft gelegt wurde: arbeitete der deutſche Humanismus von Anfang an darauf hin und wurde durch den Bund mit der Reformation in dieſer Richtung befeſtigt, die in den Schätzen des Alterthums enthaltenen Bildungselemente, unter gleicher Betonung des formal wie des real Bildenden in ihnen, ſich anzueignen. Die claſſiſchen Studien hatten in den Augen der deutſchen Huma⸗ niſten eine durchaus weſentlich propädeutiſche Bedeutung. Nicht das Wiſſen an ſich gilt ihnen etwas, ſondern das wirkſam bildende, das den ganzen inneren Menſchen nach Geiſt, Herz und Gemüth ver⸗ edelnde Wiſſen. Bildung durch ſie oder, wie Melanchthon in ſeiner bei Antritt ſeines Wittenberger Lehramts gehaltenen Rede ſagt, Verbeſſerung der Studien durch ſie war das von dieſen Männern er⸗ ſtrebte Ziel und der Zweck der angelegentlichen Beſchäftigung mit ihnen. Dieſer Zweck wird— ſo iſt ihre Anſicht— vornehmlich durch die ernſte Arbeit des Geiſtes erreicht, welche die Humanitätsſtudien und die vielfachen dazu gehörigen, ſtufenweiſe fortſchreitenden, die eigene Thätigkeit der Lernenden in Anſpruch nehmenden Uebungen erfordern. Dieſes ernſte Arbeiten und fleißige Erwerben, dieſes In⸗ ſichaufnehmen und Wiederhervorbringen, dieſes Herüber⸗ und Hinübertragen der Gedanken und Worte aus dem einen Sprachfeld in das andere, dieſes geiſtige Graben und Schürfen ſetzt alle Kräfte des Geiſtes in Bewegung: es ſtärkt das Gedächtniß, ſchärft den Verſtand, bildet den Geſchmack, übt einen ſittigenden Einfluß aus*) und, was beſonders für die Weckung wiſſenſchaftlichen Sinnes wichtig, es iſt geeignet, das Bewußtſein eigenen Könnens und Schaffens zu geben. Aber nicht bloß in formaler, ſon⸗
*) Sittlich bildende Kraft ſchreibt Melanchthon insbeſondere auch den Stilübungen zu, welche er auch aus dieſem Grunde wiederholt und dringend empfiehlt. Indem er aber das Bildende dieſer Uebungen betont, iſt er doch weit entfernt von dem Ertrem einer ſpäteren Zeit, welche über dem Stil das Leben, über der Form den Gehalt hintanſetzte. Seine Mei⸗ nung iſt die:„Eitelkeit, Anmaßung, Leichtſinn, kurz alle Verkehrtheiten des Sinnes und der Neigung können nicht umhin, ſich in den Stilübungen zu offenbaren; dieſe Uebungen geben demnach nicht nur die Diagnoſe, ſondern auch das Heilmittel der Krankheit an die Hand.“


