— 2— Bildungsfactoren zu einander auch von dieſer Seite ſchon äußerlich in dem Gange der geſchichtlichen Entwickelung vorgebildet und angedeutet lag, nach welcher der völlige Sieg des Humanismus erſt durch die Reformation entſchieden wurde.
Dieſe Ueberzeugung der Reformatoren von der nothwendigen innigen Verbindung und gegen⸗ ſeitigen Ergänzung des Evangeliums und der claſſiſchen Studien für die volle und allſeitige Bildung des Menſchen, welche in der Einrichtung der Univerſitäten des proteſtantiſchen Deutſchlands ſofort Ge⸗ ſtalt und Leben gewann, verlieh dieſen auf längere Zeit hin jenen ehrwürdig-ernſten Charakter, der ſie ſo vortheilhaft vor den gleichartigen Lehranſtalten Italiens auszeichnete. Während in dem Lande, von welchem die Wiederherſtellung der Wiſſenſchaften ausgegangen war, der Humanismus in der Begeiſterung für die Herrlichkeit des Alterthums und im Eifer für die Wiederbelebung deſſelben vielfach auf Abwege gerieth; zur Ueberſchätzung des Alterthums, welche in ſchwächliche Tändelei, und zur Entfremdung vom Evangelium, welche in Frivolität und Unſittlichkeit ausartete: ſo arbeitete im deutſchen Humanismus der deutſche Geiſt bei gleichem Eifer für die neue Bildung mit ruhiger Beſonnenheit und frei von den Aus⸗ ſchreitungen des Südens. Dies war die Wirkung der Reformation und der verſchiedenen Stellung zu derſelben, welche verurſachte, daß weſentlich gleichartige Beſtrebungen, die im Ausgangspunkte zuſammen⸗ fielen, am Endpunkte gänzlich auseinanderliefen. An dem Sitze der antireformatoriſchen Herrſchaft der Kirche und durch die Schuld derſelben wurde durch die Verachtung und Verſpottung der Scholaſtik, welche im engen Bunde mit der Hierarchie der Wiederbelebung der erſtarrten Kirche widerſtrebte, ein gegen die Kirche verbitterter und dem Chriſtenthum entfremdeter Sinn erzeugt und genährt, welcher aus den wiedergehobenen Schätzen des Alterthums die Waffen ſchmiedete und die Pfeile zuſpitzte, um ſie gegen beide, Kirche und Chriſtenthum, mitſammen zu kehren. Dahingegen in dem Lande der Reformation und unter dem heilſamen Einfluß derſelben nahm der Humanismus die entgegengeſetzte Richtung, welche ihre volle Ausprägung durch und in Melanchthon erhielt; der deutſche Humanismus wurde das Schwert der Reformation. Ihm galt es als der würdigſte Gebrauch der Kenntnis der Sprachen, zur richtigen Auslegung des göttlichen Wortes und zum tieferen Eindringen in den Geiſt der heiligen Schrift zu dienen und beizutragen. Und in dem durch ſolche gründliche Forſchung klargelegten Inhalte derſel⸗ ben war und blieb die Norm gegeben, an der alles andere in ſeiner Bedeutung für das innerſte Leben gemeſſen wurde, und der auch die in den claſſiſchen Schriftwerken der Alten, die ſonſt über alles ge⸗ ſtellt wurden, niedergelegten ſittlichen Grundſätze ſich unterordnen mußten. Dieſen, den proteſtantiſchen Hochſchulen Deutſchlands eigenthümlichen Charakter trug auch die Univerſität Marburg.
Nach den bereits auf der Homberger Synode entworfenen Grundzügen“) wurde der Univerſität Marburg von Anfang an eine ſolche Geſtalt gegeben, daß auf ihr die evangeliſche Lehre mit der eifrigen Betreibung der claſſiſchen Sprachen und Literaturen Hand in Hand gieng und mit den Wiſſenſchaften überhaupt in der von den Reformatoren vorgezeichneten Beziehung ſtand 2). Ausdrücklich war in dem 29. Hauptſtück der Homberger Synode ſchon im voraus allen Mitgliedern der neuen Anſtalt, beſonders den Mathematikern, wie auch ſpeciell den Rechtsgelehrten, die Richtſchnur des Wortes Gottes vorge⸗ ſchrieben worden„Adhibito in omnibus, heißt es daſelbſt wörlich, praesertim in Mathematicis, censore tutissimo, nempe sermone Dei.“ War aber das Wort Gottes als die Norm und Nichtſchnur für ſämmtliche Wiſſenſchaften hingeſtellt, ſo hatte es dieſe Bedeutung vollends für die claſſiſchen Studien. Das Verhältnis der letzteren zu dem Evangelium, welches das noch innigere der gegenſeitigen Wechſel⸗
¹) Cfr. 29. Hauptſtück der Homberg. Synode bei Schmincke Monum. Hass. T. II.
*) Melanchthon verlangt in ſeiner 1536 gehaltenen Rede über die Philoſophie, daß alle Disciylinen ſo zu lehren ſeien, daß ſie zu Nutz und Frommen der Kirche gedeihen Raumer I, 210. 4


