Aufsatz 
Die Schulreform Philipps des Großmütigen von Hessen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

ſchaften war in Heſſen noch nicht erſchloſſen. Die nächſte Hochſchule war damals zu Erfurt. Dieſe, die Hochſchule für Thüringen, war auch die hohe Landesſchule für Heſſen, welches, ſeitdem die frühere politiſche Verbindung mit Thüringen ſich gelöſt hatte ¹), doch kirchlich unter dem geiſtlichen Scepter der Erzbiſchöfe von Mainz mit demſelben vereinigt geblieben war. Zwar zeichnete ſich die Erfurter Hochſchule vor anderen Univerſitäten des Reichs, namentlich vor derjenigen zu Cöln, durch ein reges wiſſenſchaftliches Leben auf das rühmlichſte aus. Hier wurde die wiederbelebte claſſiſche Literatur und Sprache unter den vielfach verdienten Nachfolgern des heiligen Bonifacius geſchützt und gepflegt, wäh⸗ rend unter dem Schutze der Primaten zu Cöln ein Pfefferkorn und Hogſtraten das alte Rüſtzeug der Inquiſition gegen ſie in Bereitſchaft ſetzten. Hier ſammelte ſich ein lebhaft angeregter Kreis junger friſcher Kräfte, welche alle gleich begeiſtert waren für die neue humaniſtiſche Bildung, und dieſem Kreiſe, dem auch Luther nicht fremd blieb, gehörten als die eifrigſten Glieder deſſelben eine Anzahl Heſſen an, welche wir ſpäter noch genauer kennen lernen werden. Allein die Herrſchaft hatte doch auch zu Erfurt noch immer die herkömmliche ſcholaſtiſche Schulweisheit des Mittelalters in Händen und war eifrig be⸗ müht, ſie zu behaupten. Daher war es dem Landgrafen eine Herzensangelegenheit, durch eine von An⸗ fang an im Geiſte des Proteſtantismus eingerichtete Hochſchule eine feſte Stütze und unerſchütterliche Säule nicht bloß für die Verkündigung der evangeliſchen Wahrheit, ſondern auch für die Belebung und Förderung der Wiſſenſchaften in ſeinem Lande zu begründen. Schon im Jahre 1525 hatte er in einem Briefe an Luther und Melanchthon zuerſt den Gedanken ausgeſprochen, daß man von den Kloſtergütern ein Paedagog oder ein ſchul ſtiften könne; und feurig und von raſchem Handeln, wie er war, gieng er ſofort ans Werk. Auf der Synode zu Homberg im Herbſte des Jahres 1526 wurde ſein Gedanke zum Beſchluß, und bereits um Pfingſten des folgenden Jahres erfolgte die Inauguration der Univerſität Marburg nit einem theologiſchen und philologiſchen Seminar unter dem Namen Stipendiatenanſtalt verbunden durch den Kanzler des Fürſtenthums und der Univerſität, Johannes Ficinus.

Luther hatte die Ueberzeugung gewonnen, Alles drängte ihn zu derſelben hin: die geſchicht⸗ liche Entwickelung der Reformation, ihr formales und materiales Prinzip, wie die eigene Erfahrung von dem Werthe der claſſiſchen Studien, und die übrigen Miturheber und Befoͤrderer der Kirchenver⸗ beſſerung, unter ihnen vornehmlich Melanchthon ²), theilten die Ueberzeugung Luthers, daß ohne das gründliche Studium der altclaſſiſchen Sprachen und ihrer Literatur die Gewinnung eines richtigen Ver⸗ ſtändniſſes der Schrift und die ſelbſtändige Erkenntnis und Aneignung der Heilswahrheiten unmöglich ſei, und daß eine von dem Geiſt des claſſiſchen Alterthums getragene wiſſenſchaftliche Bildung allein eine ſichere Schutzwehr für die Erhaltung der reinen Lehre des Evangeliums gewähre. Und umgekehrt ſtand es den Reformatoren ebenſo unerſchütterlich feſt, daß das ganze Studium des claſſiſchen Alter⸗ thums erſt durch die evangeliſche Wahrheit und Wiſſenſchaft ſeinen wahren Werth und ſeine dauernde Geltung, ſeine tiefe Wahrheit und volle Berechtigung bekomme¹); wie denn die innere Beziehung beider

¹) Die Zugehörigkeit Heſſens d. h. des Kerus der ſpäteren Landgrafſchaft Heſſen, nämlich des Heſſenfrankengaus mit dem Landgericht Maden, dem Mattium der alten Chatten, und des Oberlahngaus mit Marburg zum Theil, zu der thüringiſchen Landgrafſchaft beſtand von 11211247.

²) Cfr. die von Melanchthon bei Antritt ſeines Lehramts an der Univerſität zu Wittenberg gehaltene Rede de cor- rigendis adolescentiae studiis. Raumer I, 209 ff.

³) An verſchiedenen Orten ſpricht Luther dieſe ſeine Ueberzeugung nach der einen wie nach der anderen Seite hin mit kräftigen Worten aus. Zwei dieſer ſich gegenſeitig ergänzenden Stellen mögen hier Platz finden.Ego persuasus sum, sine literarum peritia stare non posse sinceram theologiam ac., ſchreibt er an Eobanus Heſſus unter dem 29. März 1523 (bei De Wette II, 313), und an einer anderen Stelle:die fürnehmſte und gemeinſte Lection iſt die heilige Schrift. Wo

die heilige Schrift nicht regiert, da rathe ich fürwahr niemand, daß er ſein Kind hinthne. Ich habe große Sorge, die hohen Schulen ſind große Pforten der Hölle, ſo ſie nicht emfiglich die heilige Schrift üben und treiben ins junge Volk.