Aufsatz 
Die Schulreform Philipps des Großmütigen von Hessen
Entstehung
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wee Aeer des chriſtlichen Schulweſens im Mittelalter zu vergleichen iſt.) Denn in wenigen Fürſten nach Karl dem Großen war das Bewußtſein von dem Berufe des Herrſchers, für die Bildung der unter ihm Stehenden zu ſorgen, gleich lebendig als in Philipp dem Großmüthigen, und von wenigen wurde dieſem Berufe mit gleicher Weisheit und Entſchiedenheit entſprochen. Mit derſelben klaren Beſonnenheit, die wir an jenem bewundern, hat er für die ganze geiſtige Entwickelung der folgenden Zeit die Ziele ge⸗ ſteckt und die Richtungen beſtimmt; mit demſelben raſtloſen Eifer hat er für die Bildung ſeines Volkes durch Religion und Wiſſenſchaft gewirkt, mit derſelben Einſicht und Kraft die beiden Hauptträger der Volksbildung, die Kirche und Schule, verbeſſert und neu organiſirt. Durch dieſe normirende und or⸗ ganiſirende Thätigkeit hat er nicht blos vorübergehend eine hervorragende, ſondern eine dauernde und bleibende Bedeutung für Heſſen gewonnen und iſt epochemachend in ausgezeichnetem Sinne geworden. Sohn und Enkel, Wilhelm der Weiſe und Moritz der Gelehrte, haben in gleichem Geiſte gewirkt und das begonnene Werk weiter fortgeführt, und auch den ſpäteren Geſchlechtern iſt die Erinnerung an das, was Philipp der Großmüthige für die Bildung ſeines Volkes gethan, fort und fort lebendig geblieben. 1

Die grundlegenden Beſchlüſſe der Synode zu Homberg über das Schulweſen des Landes, weitergehend als der ſächſiſche Schulplan Melanchthons, welcher nur die lateiniſche d. i. die höhere, dem heutigen Gymnaſium entſprechende Schule berückſichtigt, umfaßten bereits das geſammte Unterrichtsweſen einſchließlich der Volksſchule in den Grundzügen ²); ihre vollſtändige Durchführung blieb jedoch einer ſpäteren Entwickelung vorbehalten. Die Schulreform, welche auf Grund der Homberger Synodal⸗Be⸗ ſchlüſſe durch den Landgrafen Philipp zur Ausführung gebracht wurde, beſchränkte ſich vorerſt noch auf die zwei engeren, bei einer Umgeſtaltung des Schulweſens nach den Ideen der Reformation zunächſt in Betracht kommenden Kreiſe, die Univerſität und die höheren⸗ oder Gelehrtenſchulen.

Wir faſſen, dem Gange der Geſcichte folgend, zunächſt die erſtere Anſtalt, die Univerſität, ſodann die Gelehrtenſchulen, je nach ihrer inneren Organiſation, ins Auge und betrachten zuletzt noch im Vorübergehen beide zuſammen von der Seite ihrer äußeren Organiſation.

I.

Landgraf Philipp eröffnete die Reform der Schulen des Landes damit, daß er dieſen Ziel und Richtung beſtimmte. Er ſah ein, daß, wie die Bildung des Volkes nur gehoben werden kann, wenn Männer thätig ſind, denen ein reicheres Wiſſen zu Gebote ſteht als dem Volke, ebenſo auch dieſe Männer ſelbſt nur gebildet ſind, indem ſie wieder aus dem noch tieferen Brunnen gelabt, ja bis hinauf zu den Quellen der Wiſſenſchaften gedrungen ſind. Dieſer nährende und labende Quell der Wiſſen⸗

¹) Es weiſt die Reformation überhaupt vielfach auf die Organiſationen Karls des Großen zurück, und zwar in dem Maße, daß jene nur als eine Wiederaufnahme und Fortſetzung der letzteren erſcheint, durch welche, nach dem in der nach⸗ karolingiſchen Zeit eingetretenen Stillſtand und vielfachen Rückſchritt, die Continuität der Entwickelung auf dem Gebiete der Kirche ſowol wie der Schule wiederhergeſtellt wird.

²) C. 30 Synod. Homberg bei Schmincke Monum. Hass. T. II p. 650 ſetzt feſt: In omnibus civitatibus, oppidis et pagis sint puerorum scholae, ubi rudimenta et scribendi ratio doceantur c.(Dasſelbe verlangt das Capitulare des Biſchofs Theodulf von Orleans, eines der treuſten Gehülfen Karls des Großen in der Ausführung der Bildungsideen des letzteren, faſt mit denſelben Worten: Presbyteri per villas et vicos scholas habeant ac. efr. Gieſeler, Lehrbuch der K. G. II, 1, 61); Cap. 31 der Homberger Synode aber ſtellt ſogar als Forderung die Einrichtung von Töchterſchulen in Städten, Flecken, womöglich auch in Doͤrfern auf, in denen doctae, maturae et piae foeminae die Anfangsgründe der Re⸗ ligion, desgl. Leſen, Nähen und audere weibliche Arbeiten lehren ſollten.

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