9
Diese beiden, so auf der Fläche eines Tisches errichteten Stäbchen können nun drei ver- schiedene Lagen gegen einander annehmen. Sie müssen, bei gehöriger Verlängerung einander
senkrecht stehende Durchmesser, und bezeichne die Endpunkte derselben mit 0, 90, 180, 270, indem man von rechts nach links fortzählt. Mit dem Durchmesser 0, 180 ziehe man zur grösseren Bequemlich- keit noch eine Anzahl paralleler Sehnen in beiden Hälften der Kreisebene. Dieser Kreis soll uns die Erdbahn vorstellen. Alsdann schneide man einen andern kleineren Kreis aus starkem Papier oder dünner Pappe aus, und breche ihn in einem seiner Durchmesser so zusammen, dass die beiden jetzt gegen einander geneigten Halbkreisebenen den constanten Winkel von 23 ½ mit einander bilden und so fest gegen einander gerichtet bleiben. Aus dem in der scharfen Keilkante der so zusammen ge- bogenen Halbkreise liegenden Mittelpunkte errichte man ein auf die Ebene des oberen Halbkreises senkrechtes Stäbchen und befestige es zweckmässig in dieser Lage. Wenn man nun noch qdurch ein kleines in diesen offenen Keil gelegtes Gewicht dafür gesorgt hat, dass es durch das Stäbchen nicht um- gezogen werde und hinfalle, so lässt sich mit diesem kleinen Apparate auf höchst einfache Weise die Präcession der Nachtgleichen jedem ganz klar machen. Stellt man diesen kleinen Apparat in der Art auf den vorhin bezeichneten Kreis, so sieht jeder, dass der Halbkreis, welcher unserem Apparate als Basis dient und somit in die Ebene der Erdbahn fällt, ein Stück dieser Ebene, der andere Halbkreis aber die über die Erdbahn emporragende Hälfte des Aequators der Erde und das auf dieser Fläche im Mittelpunkt senkrecht errichtete Stäbchen die Erdaxe vorstellen. Die scharfe Kante unseres Keils ist also die Durchschnittslinie der beiden Ebenen. Legen wir diese Kante nun genau auf den Durch- messer des vorherbesprochenen Kreises(der Erdbahn) und zwar so, dass der Mittelpunkt unseres Appa- rates auf die Peripherie fällt, und führen das ganze Instrumentchen in der Weise über dieselbe fort, dass die scharfe Kante immer mit den dem Durchmesser parallelen Sehnen zusammen fällt, so wird unser Stäbchen(die Erdaxe) auf dem ganzen Umlauf immer 1) dieselbe Neigung und 2) dieselbe Rich- tung nach einem in unendlicher Ferne über ihm befindlichen Punkte beibehalten. Auf diese Weise können wir unseren Apparat so oft um den Mittelpunkt führen, als wir wollen, ohne dass die Durch- schnittslinie beider Flächen sich ändert. Geben wir aber der Spitze des Stäbchens(also der Erd- axe) eine kleine Bewegung z. B. nach rechts, so wird dieses den ganzen Keil mit sich um eben so viel aus seiner Lage führen, und die Kante desselben kann nicht mehr mit den parallelen Sehnen zu- sammen fallen. Betrug diese Ablenkung der Richtung der Axe von ihrer vorigen Lage z. B. 10⁰, so wird auch die Durchschnittslinie sich um eben so viel von der Richtung des Durchmessers abgelenkt haben. Führen wir nun in dieser Lage und mit steter Beibehaltung dieser Richtung den Apparat um den Mittelpunkt von 0 nach 90 nach 180 etc., so wird jeder sogleich sehen, dass die Durchschnittslinie der beiden Ebenen schon durch die Sonne gehen muss, wenn unser Apparat noch um eben so viel Grade von dem Ausgangspunkt entfernt ist, als die Ablenkung der Erdaxe von ihrer ursprünglichen Richtung betrug. Der Durchschnittspunkt der beiden Flächen der Erdbahn und des Aequators ist also zurückgewichen, weil man in der Richtung von 0 bis 90 vorwärts zählt. Der Punkt 90 aber steht jetzt von dem gemeinsamen Durchschnittspunkt, von welchem die Zählung immer beginnt, nicht mehr um 90° sondern um 100°ab, er ist also um 10° in Bezug auf den Anfangspunkt der Zählung 3 vorangeschritten(Präcession). Dass nun eines Theils die Länge und Rectascension der Sterne durch diese, wenn auch nur sehr geringe Abweichung der Erdaxe von ihrer früheren Richtung (Wovon also das Rückwärtsgehn der Durchschnittslinie nur die Folge ist) immer wachse, so wie auch andern Theils der Punkt, auf den die Axe gerade hinzeigt, der Pol des Himmels, immer wechsele, ist auf obige Weise leicht darzustellen und einzusehen. Die bis zur Hohlkugel des Himmels verlängerte Erdaxe beschreibt so sehr langsam einen Kreis von 23 ½0 Durchmesser um den Pol der Ekliptik, und alle Sterne, auf welche sie in ihrem Laufe gerade oder nahe zu trifft, sind alsdann Polarsterne, wie es jetzt der letzte Stern(a) im Schwanze des kleinen Bären ist. Auch das Vverschieben der Sternbilder und Zeichen des Thierkreises ist eine Folge der Präcession. Schon im grauen Alterthum hat man den grössten Kreis der himmlischen Sphäre, den die Projection der Erdbahn bildet, in 12 gleiche Theile
2


