Aufsatz 
Bestimmung der Richtung, in welcher sich ein Punkt der Erdoberfläche in einem gegebenen Zeitmomente durch den Raum bewegt / von A. Ebenau
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

als des Hauptkörpers unseres Systems, zu beziehen, um sowohl den Winkel, unter welchem beide Flächen gegeneinander geneigt sind, als auch die Richtung der Durchschnitts- oder Knoten- linie derselben angeben zu können. Allein dieses ist nie in Gebrauch gekommen, und zwar aus dem Grunde, weil man erst sehr spät*) zur Kenntnis der Rotation der Sonne um ihre Axe und somit auch zu der ihres Aequators gelangte, während man schon seit den frühesten Zeiten die Bahn, welche die Sonne alljährlich am Himmelsgewölbe um die Erde zu beschrei- ben scheint und ihre Lage und Neigung gegen den Aequator der Erde ziemlich genau er- mittelt hatte. Als nun später Kopernikus die richtige Ansicht aufstellte, dass die Sonne stille stehe, und man nun erkannte, dass die scheinbare Sonnenbahn nichts weiter sei, als die durch den Umlauf der Erde sich genau abspiegelnde Erdbahn, hat man doch und zwar mit vollem Rechte diese Bestimmungsweise beibehalten, weil eines Theils die Ermittelung der Lage des Sonnenäquators mit grossen Schwierigkeiten verbunden, andern Theils die Lage jedes Punktes der Erdbahn gegen die Fläche des Erdäquators auf eine leichte und schnelle Weise durch unmittelbare Beobachtung zu finden ist. Bei dieser Bestimmungsweise wird man auch in Zukunft verbleiben, da man aus der Vergleichung der ältesten Beobachtungen mit den neuesten so wie aus den Gesetzen der Mechanik die Gewisheit erlangt hat, dass die Lage des Erd- äquators, so lange die Erde in dem physischen Zustande verharrt, in dem sie sich jetzt be- findet, sich nicht verändern kann. Die Neigung der Ebene der Erdbahn gegen die des Aequators(die sogenannte Schiefe der Ekliptik) beträgt gegenwärtig 23⁰° 27/ und etliche dreissig Secunden, und ist wegen der störenden Einwirkungen unseres Mondes und der übrigen planeten auf das an seinen beiden Polen abgeplattete Erdsphäroid kleinen Schwankungen unter- worfen, die aber nie von einem mittleren, constanten Werthe sehr abweichen. Verlässt man aber, wie man bei vielen andern Untersuchungen zu thun genöthigt ist, diesen irdischen Stand- punkt, und versetzt sich in den relativ einzig festen Punkt unseres ganzen Sonnensystems, den Mittelpunkt der Sonne, von welchem aus betrachtet alle Erscheinungen in der Bewegung der planeten, die von der stets ihren Ort verändernden Erde gesehen, vielfach verwickelt sich darstellen, in vollkommner Harmonie hervortreten, so zeigt es sich, dass die Ebene der Erd- bahn unter einem Winkel von 7⁰ 20/ gegen den Sonnenäquator geneigt ist und dass die Durchschnittslinie dieser beiden aufs Himmelsgewölbe projicirten Kreise in 80° 21/ und 260 21/(= 80⁰° 21/+ 180⁰) der Länge der Erdbahn liegen**). Auf die Ebene des Erdäquators bezogen liegt der Durchschnitt der Bahnfläche für die jetzige Zeit in der Richtung von dem Sternbilde der Fische nach dem linken Flügel der Jungfrau. Auch diese Durchschnittslinie ist, wie die Lage der grossen Axe der Erdbahn, nicht fest und somit nicht immer nach einem und demselben Punkte des Himmelsgewölbes hingerichtet, sondern rückt jedes Jahr um den kleinen

*) Littrow, Wunder des Himmels, 4te Auflage pag. 268. **) Herschel, Outlines of Astron.§. 390.