Aufsatz 
Der Freiherr vom Stein und die deutsche Frage auf dem Wiener Kongress / vom ... Duncker
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4.

Muthloſigkeit der Patrioten fand in ſeiner Seele kein Gefühl der Verzagtheit Raum. Sein Vertrauen, daß der Sturz des Ge⸗ waltigen kommen werde, und zwar bald, ſtand felſenfeſt. Daher behandelt er in einem Briefe) an den hannöveriſchen Staats⸗ miniſter Grafen Münſter zu London, datirt vom 6. October 1811, die deutſche Frage wie Etwas, deſſen Inangriffnahme für die nächſte Zeit ſich von ſelbſt verſtehe. Er geißelt in dieſem Schreiben aufs Schärfſte die Erbärmlichkeit der deutſchen Fürſten, der Schild⸗ knappen Napoleons, und hebt die in den Herzen der Vaterlands⸗ freunde wohnende Sehnſuchtnach einer Verfaſſung aäuf Einheit, Kraft, Nationalität gegründet hervor.Je⸗ der große Mann, der ſie herzuſtellen fähig wäre, würde der Nation, die ſich von den Mittelmächten abgewendet hat, willkommen ſein. Von der Wieder⸗ herſtellung der alten Verfaßung auf den Grundlagen des weſt⸗ phäliſchen Friedens kann er natürlich kein Heil erwarten. Die ungeheure Schwierigkeit der Löſung der Frage iſt ihm vollſtändig klar.Das Bundesverhältniß muß feſter geſchloſſen werden, das kindiſche Puiſſanziren der einzelnen Mächte aufhören. Was je⸗ doch an die Stelle des früheren Zuſtandes treten ſoll, weiß er nicht anzugeben. Er ſteht indeſſen hier noch vollſtändig auf dem Boden der Reichsidee. Am bezeichnendſten für ſeine Wünſche ſind die Worte:Könnte ich einen Zuſtand wieder her⸗ zaubern, unter dem Deutſchland in großer Kraft blühte, ſo wäre es der unterunſeren großen Kaiſern des 10. bis 13. Jahrhunderts, welche die deutſche Verfaſſung durch ihren Wink zuſammenhielten und fremden Völkern Schutz und Geſetze gaben. Hier ſehen wir zum erſten Male Stein den Idealiſten, der für die Herrlichkeit des römiſch⸗deutſchen Kaiſerthums ſchwärmt, als ob ihm deſſen ſelbſt in ſeinen beſten Tagen hervortretende Schwächen unbekannt wären. Daß dies keinesweg der Fall war, er vielmehr

) Mitgetheilt bei Pertz III, 45 ff.