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ſonſt mit ungetrübtem Blicke ſeines Volkes Vergangenheit zu be⸗ trachten wußte, bezeugt eine Stelle in einem Actenſtücke, das von ihm unter ſehr veränderten Verhältniſſen faſt ein Jahr ſpäter als jener Brief an Münſter abgefaßt wurde. Man beabſichtigte da⸗ mals ruſſiſcherſeits durch eine Landung in Deutſchland dieſes zu inſurgiren und dadurch im Rücken des in Rußland eingedrungenen franzöſiſchen Heeres eine wirkſame Diverſion zu machen. Eine Erörterung der Frage über Deutſchlands Zukunft erſchien in dieſem Augenblicke dem ruſſiſchen Cabinet von Intereſſe. So entſtand Steins„Denkſchrift über Deutſchlands zukünftige Verfaſſung.“¹) Dieſes Memoire läßt uns ſchon deutlicher ſeines Autors Anſichten über die demnächſtige Geſtaltung unſeres Vaterlandes erkennen. Der Geſchichte ſeiner Entſtehung eingedenk, be⸗ trachtet es natürlich vielfach die Einigung Deutſchlands aus dem ruſſiſchen Geſichtspunkte. So z. B. wenn es darin heißt:„Die Ruhe Europas erheiſcht, daß Deutſchland ſo eingerichtet ſei, daß es Frankreich widerſtehen, ſeine Unabhängigkeit erhalten, England in ſeine Häfen zulaſſen und der Möglichkeit Franzöſiſcher Ein⸗ fälle in Rußland zuvorkommen könne. Dieſen Zweck kann man erreichen:
1) entweder durch die Vereinigung Deutſchlands zu einer Monarchie
2) oder wenn man es nach dem Laufe des Mayn zwiſchen Preußen und Oeſterreich theilt,
3) oder indem man in dieſen beiden großen Theilen einige Län⸗ der, wie z. B. Hannover u. a. unter einem Bündniß mit Oeſterreich und Preußen beſtehen läßt.
Jede dieſer Einrichtungen würde Deutſchland mehr Kraft geben; die Herſtellung deralten Deutſchen Verfaſſung hingegen halte ich für unmöglich und wenig wün⸗ ſchenswerth.“ Und nun folgt die Stelle, aus der klar her⸗ vorgeht, daß Stein für die Uebel, an denen das deutſche Reich
¹) Bei Pertz III, 140 ff.


