Aufsatz 
Der Freiherr vom Stein und die deutsche Frage auf dem Wiener Kongress / vom ... Duncker
Entstehung
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gieng, anzuzweifeln. Schon er ſelbſt hat durch ſeine ſpäteren An⸗ ſchauungen dieſen Verſuch der Neubegründung des habsburgiſchen Kaiſerthums verurtheilt.) Aber die Vorwürfe gegen ſein Ver⸗ halten in dieſer Frage dauern fort, weil man, durch ſeine groß⸗ artige Perſönlichkeit geblendet, von jeher an alle ſeine Leiſtungen den höchſten Maßſtab anzulegen gewohnt iſt. Man vergißt, daß Stein der Reformer und Agitator weit höher ſteht als Stein der ſchöpferiſche Politiker. Ein Ueberblick über ſeine An⸗ ſichten von der deutſchen Frage vor dem Wiener Congreſſe und eine Schilderung der Verhältniſſe, unter denen er der Förderer der Kaiſeridee wurde, werden am beſten dazu dienen, ſein Auf⸗ treten in dieſer Angelegenheit im richtigen Lichte erſcheinen zu laßen.

Steins erſtes ausführlicheres Projekt zur Neugeſtaltung der deutſchen Verfaßung datirt aus dem Jahre 1811, wo er, von Napoleon geächtet und ſeiner Güter beraubt, zu Prag verweilte. Im Angeſichte der Gefahr, durch das Machtgebot des Tyrannen auch aus ſeinem letzten Zufluchtsorte auf dem Continent ver⸗ jagt zu werden und mit dem Plane einer Ueberſiedelung nach England, dem damals einzigen Sitze der Freiheit, beſchäftigt, trug er ſich nichtsdeſtoweniger ununterbrochen mit Gedanken über die Geſtaltung der Zukunft Deutſchlands. Inmitten der allgemeinen

³) Leider hat Stein in ſeiner Selbſtbiographie die Darſtellung ſeiner Thätig⸗ keit auf dem Wiener Congreſſe, offenbar abſichtlich, übergangen. S. Pertz, Leben des Miniſters Freiherrn vom Stein V, Beilage 28. Warum er ſchwieg, möchte ſich aus einer Aeußerung gegen Hans v. Gagern ergeben, die er in einem Briefe vom 15. März 1825 thut. Dort ſagt er dem Freunde: Sie wollen alſo das politiſche Treiben und Zerren der Jahre 13, 14 und 15 darſtellen und Sie wollen wahrſcheinlich die Wahrheit ausſprechen? Aber dürfen Sie es?? In den Briefen an Gagern(abgedruckt in deſſenAntheil an der Politik IV.) fehlen die Jahre 181416, weil in dieſer Zeit beide Staatsmänner in Wien, Paris und Frankfurt zuſammen waren und ihre

Ideen mündlich austauſchen konnten. Gagern, Antheil IV, 47. 4*