Aufsatz 
Der Freiherr vom Stein und die deutsche Frage auf dem Wiener Kongress / vom ... Duncker
Entstehung
Einzelbild herunterladen

2

Beſtrebungen der edelſten Männer unſeres Volkes, eines Wilhelm von Humboldt und Stein. Auf verſchiedenen Wegen, aber. von gleicher patriotiſcher Geſinnung erfüllt, ſuchten beide damals daſſelbe hohe Ziel zu erreichen: ein ſtarkes Deutſchland mit ver⸗ faßungsmäßig gewährleiſteten Volksrechten. Steins Stellung in jener Zeit war jedenfalls die eigenthümlichere. Während Hum⸗ boldt als zweiter Vertreter Preußens auf dem Wiener Congreß erſchien, trat Stein dort vollkommen ſelbſtſtändig auf. Sein Cha⸗ rakter, ſeine Vergangenheit, der Einfluß, den er noch immer bei Alexander von Rußland genoß, verliehen ihm eine ſolche Be⸗ deutung, daß er eine der hervorragendſten Perſönlichkeiten jener großen Verſammlung war, ohne als Miniſter irgend eines Staates bevollmächtigt zu ſein. Dennoch hatte er eine Vollmacht und ſie war beßer als die aller Andern: den Glauben des deutſchen Volkes an ſeine Redlichkeit und Vaterlandsliebe. Er erſcheint uns in jenen trüben Tagen ſo recht als der Repräſentant unſerer Nation, die nach jahrhundertjährigem Schlafe endlich zu erwachen und wieder politiſch zu denken beginnt. Seine Schritte zur Her⸗ ſtellung eines mächtigen und freien Vaterlandes ſind daher un⸗ ſicher, zum Theil auch inconſequent, die Politiker von heute be⸗ lächeln ſie, weil ſie nie die Möglichkeit zeigen, das geſteckte Ziel zu erreichen. Dank hat ihm ſein Streben ſchon bei der Mitwelt nicht gebracht, geſchweige denn bei der Nachwelt, die jetzt ſogar hin und wieder geneigt iſt, ihm mit die Schuld zuzuſchieben, daß wir nicht ſchon 1815 erreichten, was 1871 erreicht ward. Man geht ſo weit, ihm Unterſchätzung der Bedeutung Preußens und der Kraft des deutſchen Volkes vorzuwerfen, als er in der Kaiſer⸗ frage als Führer der Kleinſtaaten für Oeſterreich auftrat.¹) Mag man nun auch mit Recht gerade dieſen Schritt als einen der ſchwächſten in ſeiner ſtaatsmänniſchen Laufbahn anſehen, ſo hüte man ſich doch davor, die Größe der Motive, aus denen er hervor⸗

¹) Conſt. Rößler in derZeitſchrift für preußiſche Geſchichte und Lan⸗ deskunde. IX, 79.