Aufsatz 
Der Freiherr vom Stein und die deutsche Frage auf dem Wiener Kongress / vom ... Duncker
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Kus naheliegenden Motiven hat man gerade in jüngſter Zeit der Behandlung der deutſchen Frage auf dem Wiener Con⸗ greſſe wieder größere Aufmerkſamkeit zugewendet. Von Neuem hat man wiederholt darauf hingewieſen, wie jede der verbündeten Großmächte damals mehr Erſatz für ihre Opfer erhielt, als Preußen. Die Gründe für dieſe Zurückſetzung werden in den verſchiedenſten Urſachen geſucht: im allzuraſchen Abſchluße des Vertrags von Kaliſch, ohne daß man gute Garantien für Preußens künftige Ge⸗ ſtaltung erlangt hatte, in der Schaukelpolitik Hardenbergs, dem Neide Oeſterreichs, dem Haße der Rheinbundskönige, dem engliſch⸗ hannöveriſchen Einfluße, der Furcht Rußlands vor einem ſtarken Deutſchland unter Preußens Führung. Wer möchte leugnen, daß jeder dieſer Gründe die Berechtigung habe geltend gemacht zu werden? Gibt uns doch die Geſchichte der eben verfloßenen Tage wieder hinreichende Belehrung darüber, daß das ſiegreiche Preußen keinen Freund unter den Nachbarn zählt. Lediglich die freund⸗ ſchaftlichen Beziehungen des ruſſiſchen Selbſtherrſchers zu unſerem Regentenhauſe verhinderten, daß während des letzten großen Kampfes mit Frankreich die übrigen Großmächte ihrer Interventionsluſt die Zügel ſchießen ließen und den Erfolg der gewaltigen Anſtrengungen und Opfer Preußens und ſeiner deutſchen Bundesgenoßen auf das möglichſt geringe Maß zu reduciren ſuchten. Die Politik jener Mächte iſt jeder Vergrößerung Preußens gegenüber noch heute ſo ziemlich dieſelbe, wie im Jahre 1815, und unſer Sieg über Frankreich weſentlich darum ein ſo vollkommener, weil wir ihn ohne ausländiſche Verbündete errangen, mit denen wir um den Siegespreis hätten markten müßen. An den politiſchen Rück⸗

ſichten unſerer Alliirten ſcheiterten nach den Freiheitskriegen die 1