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ihn ſchon in den erſten Monaten des Jahres 270*) im kräftigſten Mannesalter hinweg, ein Opfer ſeiner Pflichttreue gegen ſein Volk, dem zu Liebe er ſich allen Mühſalen des Feldzugs bereitwillig unterzogen hatte. Sein Tod erfolgte zu Sirmium, der Hauptſtadt des niederen Pannonien, mitten unter neuen Vertheidigungsmaßregeln gegen Einbrüche nördlicher Stämme, namentlich der an der mittleren Donau ſeßhaften Juthungen, zu deren Bekämpfung er bereits ſeinen erprobten Aurelian weiter nordwärts geſandt hatte, während die Deckung Italiens einem bei Aquileja aufgeſtellten Heere anvertraut war, deſſen Oberbefehl er ſeinem Bruder Quintillus übergeben hatte. Denn nur zu gut hatte er die Kämpfe vorausgeſehen, die in der nächſten Zeit gegen den äußeren Feind noch zu liefern waren, bevor der Beherrſcher des Reichs Planen von Beßerung der inneren Zuſtände Raum geben konnte. Wie unermeßlich daher auch der Schmerz des Heeres über den jähen Verluſt des geliebten Führers geweſen ſein mag, ſo drängte doch die Sorge für einen Nachfolger, der das von ihm begonnene Werk in gleichem Geiſte und mit gleicher Kraft fortzuſetzen vermöchte, die Trauer für den Augenblick in den Hintergrund. Denn daß Claudius ſterbend den Aurelian als den des Thrones Würdigſten bezeichnet habe, wie Zonaras berichtet, erſcheint, wenn wir auch dem Kaiſer recht wohl ſo viel Hoheit der Seele zutrauen dürfen, daß er des Reiches Wohlfahrt über den Glanz ſeines Hauſes ſetzte, doch zu wenig verbürgt und aus ähnlichen Beweggründen verbreitet worden zu ſein, wie man früher Claudius als den Erwählten des ſterbenden Gallienus bezeichnet hatte. Offenbar ward der Kaiſer ſo ſchnell vom Tode überraſcht, daß er gar nicht mehr an die Bezeichnung eines Nachfolgers zu denken Zeit hatte. So kam es, daß vom Heere zu Aquileja Quintillus, als nächſter Anverwandter des Dabingeſchiedenen, zum Cäſar proclamirt wurde, während die Hauptarmee in Pannonien ſich einſtimmig fur Aurelian, nun Roms erſten Feldherrn, erklärte. Indes Quintillus, der ſeines Bruders Heldenkraft keineswegs beſeßen zu haben ſcheint und deſſen Verdienſte trotz der unmäßigen Lobeserhebungen, die Pollio von ihm macht, hauptſächlich nur darin beſtehen, daß er, gleich Claudius, ein Ahne des conſtantiniſchen Hauſes war, endete ſchon nach wenig Tagen, da ſeine Truppen auf die Nachricht von Aurelians Erhebung von ihm abfielen, ſei es durch die Hand ſeiner Soldaten, ſei es durch freiwilligen Tod, den er der demüthigenden Unterwerfung unter den glücklichen Rivalen vorzog.
So nahm denn Aurelian den Thron ein, um würdig fortzuſetzen, was Claudius begonnen. An Heldenkraft ihm gleich, bald auch durch Thatenruhm ihn verdunkelnd, vollendete er das Rieſenwerk, das man in Gallienus Tagen für kaum noch möglich gehalten hatte, die Wiederherſtellung der Reichseinheit, im Zeitraum weniger Jahre. In mörderiſchen Schlachten trieb er die Germanenſtämme zu Paaren, warf
*) Euseb. Chron. gibt dem Claudius nur 1 Jahr 9 Monate Regierungszeit(Syncellus gar nur 1 Jahr), womit Oros. VII, 23. übereinſtimmt. Zonaras verhält ſich ſchwankend zwiſchen 1 und 2 Jahren, dagegen geben ihm Eutrop. IX, 11; Aur. Vict. Ep. 34. und Euseb. in der H. Eccl. VII, 28. zwei Jahre. Zoſimus bietet nichts darüber, nach Pollio H. A. Claud. 11. muß er wenigſtens bis in den Beginn des Jahres 270 gelebt haben. Von Inſchriften haben Orelli I. 1024, Gruter 276, Muratori 255, Tr. Pot. III, während die römiſchen Münzen ſchweigen, die alexandriniſchen aber .,, y bieten. Die Unterſchrift des Reſcripts im Cod. Just. I, 23. vom 23. October 270 kann hier nicht in Betracht kommen und iſt unzweifelhaft unächt, da Aurelian laut den Münzen ſchon vor dem 28. Auguſt 270 regierte. Am wahrſcheinlichſten bleibt, daß Claudius im Beginn des Jahres 270, vielleicht noch vor Ende März, ſtarb, alſo den zweiten Jahrestag ſeiner Thronbeſteigung nicht mehr erlebte, wodurch die Ausdrucksweiſe des Oroſius a. a. O.„priusquam biennium imperio expleret“ eine Beſtätigung erhielte und das Schwanken des Zonaras mehr gerechtfertigt erſcheint.


