Aufsatz 
Claudius Gothicus : ein Beitrag zur römischen Kaisergeschichte / von Albert Duncker
Entstehung
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der ſtolzen Zenobia Macht über den Haufen, machte Tetricus Uſurpation ein Ende und ſchweißte ſo durch eine Kette von Siegen den römiſchen Coloß wieder zuſammen, deſſen Zerfall ſo nahe geſchienen hatte. Aber wenn er auch an Siegesruhm ſeinen Vorgänger nicht minder als alle Herrſcher ſeines Jahrhunderts übertraf, ſo ſteht er doch weit hinter ihm zurück an Reinheit des Charakters. Denn ebenſo ſehr als ſeine Siege verbürgt Claudius Andenken ein rühmliches Gedächtnis bei der Nachwelt die Thatſache, daß keiner ſeiner Geſchichtſchreiber einen Makel der Seele an ihm aufzuführen vermag. Das iſt es eben, was ſeiner Erſcheinung inmitten jener wilden Zeit einen ſo beſonderen Werth verleiht und ihm einen Platz neben den Beſten der Imperatoren für alle Zeiten geſichert hat. Die Ehrenbezeigungen, die der trauernde Senat dem Hingeſchiedenen erwies, die Widmung eines goldenen Schildes für die Curie, die Errichtung einer Statue aus demſelben Metall auf dem Capitol, der Triumphbogen, den ihm zu Tacitus Zeiten noch Interamnas Bürger weihten,*) mögen wohl aus aufrichtigerer Liebe und Verehrung für den Todten beſchloßen worden ſein, als dies beim Hinſcheiden vieler anderer Herrſcher jener Zeiten der Fall zu ſein pflegte, und wo von Zeitgenoßen und Späteren der Name des Helden erwähnt wird, miſcht ſich gar oft der vollen Anerkennung ſeiner großen Thaten ein Zug wehmüthigen Bedauerns bei, daß ihn ein unſeliges Geſchick ſo früh dem Leben und ſeinem Volke entriß.**) Und würdig und edel erſcheint auch das Denkmal, das dem Vorfahren der geiſtvollſte Sproß ſeines Hauſes, Julianus Ap oſtata, in ſeinenCäſaren geſetzt hat, indem er dort die Herrſchaft des conſtantiniſchen Geſchlechts als einen Lohn der Götter für Claudius hingebende Vaterlandsliebe bezeichnet.*ra) Dieſe Worte, die nicht minder ihren Verfaßer als den ehren, auf welchen ſie ſich beziehen, geben uns Beweis davon, wie hohen Stolz das Herrſcherhaus Conſtantins darein ſetzte, einen Claudius Gothicus ſeinen Ahnherrn nennen zu können, der den Thron der Cäſaren trotz ſeiner kurzen Regierung wie Wenige vor ihm und nach ihm geziert und dem Reiche eine neue beßere Zeit erſchloßen hatte, bei deren Heraufführung er ein zwar frühes doch ruhmreiches Ende fand.

*) Orelli I, 1025. Zugleich iſt dieſes Monument dadurch merkwürdig, daß es das erſte iſt, auf dem ſich mit Sicherheit beim Kaiſertitel der ZuſatzSemper Augustus nachweiſen läßt, der, von den ſpäteren Imperatoren beibehalten, auch in den deutſchen Kaiſertitel mit überging.

**) Zos. I, 46; H. A. Cari 2, 6; Ammian. Marc. 31, 6; Eumen. Pan. Const. Aug. 2.

) Kaldoßeg ed. Heusinger p. 8; vgl. auch p. 32.