Aufsatz 
Claudius Gothicus : ein Beitrag zur römischen Kaisergeschichte / von Albert Duncker
Entstehung
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gekommen wäre. Allein dieſer halb komiſche, balb tragiſche Vorfall beweiſt zur Genüge, wie ſehr die Zuſtände des Reichs noch im Argen lagen und wie ſehnlich alle beßeren Elemente der Bevölkerung eine Regeneration der ſtaatlichen Ordnungen erharren mußten. Auch war es ja zu natürlich, daß das Laſter im Vertrauen auf die lange Abweſenheit des Herrſchers im Gothenkampfe noch in mancherlei Geſtalt frech ſeine Stirn erheben und den edlen Abſichten des Regenten Hohn ſprechen konnte, wie es unter Anderem die Geſchichte der großen Münzdefraudation beweiſt, deren ſich der Münzmeiſter Feliciſſimus zu Rom zu damaliger Zeit ſchuldig machte. Im Verein mit zahlreichen Helfershelfern brachte es dieſer Menſch dahin, daß aus den gebräuchlichſten Silbermünzen jener Zeit, namentlich dem Antoninianus, das Silber in dem Grade verſchwand, daß man ſie füglich als kupferne anſehen kann. Daß dieſer großartige Betrug natürlich die empfindlichſten Stockungen in Handel und Verkehr, die ohnehin ſchon in Folge der fortwährenden Kämpfe unter Gallienus ſchwer darniederlagen, hervorgerufen haben muß, läßt ſich denken, zumal da Claudius, da er die Hauptſtadt nicht wiederſah, dem Uebel noch keine Abhülfe leiſten konnte und eine Beſeitigung auch dieſes Mißbrauchs ſeinem Nachfolger überlaßen blieb, der erſt mit gewaffneter Hand, nach hartnäckigem, zu Rom ſtattgehabtem Straßenkampfe, dem Unweſen ein Ende zu machen vermochte.*).

Eine vereinzelte Notiz, die ſich bei Pollio(H. A. trig. tyr. 26.) findet, könnte, wenn ihre Glaubwürdigkeit feſtſtände, beweiſen, daß der Kaiſer auch im Heerlager ſonſtigen Angelegenheiten des Reichs ſeine Aufmerkſamkeit zugewendet habe. Dort wird nänlich berichtet, Claudius habe die Abſicht gehabt, das wilde Bergvolk der Iſaurier in Kleinaſien, welches vor Allem die Unzugänglichkeit ihres Landes in ihrem Räuberleben unterſtützte und unter denen ſogar noch unlängſt ein kühner Pirat, Trebellianus, ſich Imperator genannt und ſeine Herrſchaft über Cilicien ausgedehnt hatte, aus ihren Bergen an die ciliciſchen Küſten zu verpflanzen und dadurch, daß er die Herrſchaft über ihr bisyeriges Gebiet einem Vertrauten übertrug, für immer ungefährlich zu machen. Geradezu unglaublich klingt dieſe Nachricht nicht, denn es bleibt immerhin möglich, daß Claudius, als er bei Gelegenheit der Bedrohung der kleinaſiatiſchen Südküſte durch die Gothenflotte ſein Augenmerk auf jene Gegenden richtete, einen derartigen Plan gehabt habe, um ſo mehr, als er von den tapferen Iſauriern auf einen kräftigen Schutz der Küſtenplätze gegen feindliche Angriffe rechnen durfte. Sicher iſt, daß Probus, der damals ſchon eine hervorragende Stellung im Heere des Claudius einnahm, ſpäter als Kaiſer dieſe Ueberſiedelung in Angriff nahm, ſo daß auch immerhin, zumal da Pollio Quelle iſt, die Möglichkeit einer Verwechſelung von deſſen Thätigkeit mit der des Claudius nicht ausgeſchloßen iſt, wie dies Bernhardt annimmt.

Großes hatte der Kaiſer in kurzer Zeit vollbracht, noch Größeres erwarteten ſeine Völker von ihm, der wie Keiner die Bedürfniße des Staates kannte. Wie alle Guten von ſeiner Einſicht und Gerechtigkeitsliebe eine gründliche Heilung des erkrankten Staatsorganismus erhofften, ſo mag ſich auch gar vielfach in den Gemüthern der Gedanke an eine Wiederherſtellung der Reichseinheit durch ſeine tapfere Hand geregt haben, als ein grauſames Geſchick mit einem Schlage alle dieſe ſtolzen Hoffnungen zerſtörte. Die verheerende Seuche, die, unter den decimirten Gothenſchaaren ausgebrochen, auch mit Heftigkeit unter dem ſiegreichen Heere aufzutreten begonnen hatte, ergriff Claudius ebenfalls und raffte

*) H. A. Aurel. 38. Aur. Vict. 35. Vgl. Th. MommſenRöm. Münzweſen p. 799.