So ging endlich im Beginn des Jahres 270 der große Gothenkrieg zu Ende, deſſen ruhmreichen Ausgang Heer und Volk in einſtimmigem Jubel als das Verdienſt ihres trefflichen Herrſchers und Feldherrn prieſen. Der Feind, welcher ſeit Decius Fall als der furchtbarſte unter allen nördlich wohnenden Nationen gegolten hatte, der unter Valerian und Gallienus durch ſeine kühnen Unternehmungen die Länder an Pontus und Archipel in beſtändiger Furcht erhalten hatte, war ſo gründlich auf das Haupt geſchlagen, wie nie zuvor. Die Kühnheit des Verſuchs, von römiſchen Boden dauernd Beſitz zu ergreifen, war mit dem Untergange von Hunderttauſenden beſtraft, Roms Schwert den übermüthigen Barbaren wieder in ſeiner alten Furchtbarkeit gezeigt worden. Nur wenige Flüchtlinge waren es, die dem Looſe ihrer Stammgenoßen entrannen und das furchtbare Ende des großen Völkerzuges in der Heimath melden konnten. Sie mögen den entſetzten Landsleuten verkündet haben, daß ein neuer Geiſt in den ſeither ſo gering geachteten Römern wehe, daß ein anderer kräftigerer Arm ihr Reich leite und ſchirme und die Tage der ſieg⸗ und beutereichen Raubfahrten vorüber ſeien. Erſchütternd muß die Kunde vom Ende der Ihren auf das Gothenvolk gewirkt haben, dem Eindrucke vergleichbar, den in ſpäterer Zeit die Botſchaft vom Siege des großen Otto auf die heimgebliebenen Magyaren ausübte. Denn auf ein Jahrhundert lang melden uns die Geſchichtſchreiber nichts von einer größeren Gothengefahr; die Kraft des Volkes war ſo geſchwächt, daß es ſich willig auf Verträge einließ, wie auf jenen, durch den ihm Aurelian Wohnſitze in dem doch nicht behauptbaren Dacien geſtattete, und die Kinder ſeiner Vornehmen als Geiſeln ſtellte. Und wenn auch noch vereinzelte kleinere Streifſchaaren, wie die des Cannabaudes, zu eben jenes Kaiſers Zeiten(IH. A. Aur. 22.) und ſpätér noch unter Tacitus Herrſchaft(H. A. Tac. 13; Zos. I, 63.) der alten Raubluſt ihres Stammes nicht widerſtehen konnten und durch jene Regenten vernichtet werden mußten, ſo war doch der Name des Gothenvolkes mit Claudius Siegen lange Zeit aus der Reihe der gefährlichen Feinde geſtrichen und als es endlich, mündig geworden und neu gekräftigt, einige Menſchenalter ſpäter wieder in den Vordergrund der Geſchichte trat, war es nicht ſo ſehr eigener Wille als ein gewaltiger Anſtoß von Oſten her, der es wiederum über die Grenzen des Römerreichs trieb und zum Vorkämpfer jener ungeheuren Völkerbewegung machte, als deren edelſte aber auch unglücklichſte Erſcheinung es ſchon frühe ſein Ende finden ſollte.
Von dem, was während der Dauer von Claudius Gothenkampfe in den übrigen nicht davon betroffenen Theilen des Reichs ſich zutrug, ſind, abgeſehen von den ſchon geſchilderten Ereignißen in Aegypten, nur ſpärliche Nachrichten auf uns gelangt. Zwar dürfen wir dem meuteriſchen Verſuch einiger Soldatenhaufen, die während Claudius Abweſenheit im Felde den greiſen Conſular Cenſorinus zu Bononia zur Annahme des Imperatortitels zwangen, in keiner Weiſe das Gewicht beilegen, wie es Pollio gethan hat, der dieſes eigentlich mehr als Poſſe, denn als einen wirklichen Aufruhr anzuſehende Ereignis nur deswegen anführt, um die von ihm beliebte Zahl von dreißig Tyrannen voll zu machen, während alle übrigen Quellen dieſes Vorfalls mit keiner Silbe Erwähnung thun.(H. A. trig. tyr. 33.) Denn dieſer Schattenkaiſer, deſſen Erhebung weit eher wie ein Gelderpreßungsverſuch ſeitens zuchtloſer Deſerteure, als wie eine Kaiſerwahl ausſieht, ward, nachdem er ſieben Tage die Zielſcheibe des Spottes ſeiner Erwähler abgegeben hatte, weil er die Habgierigen nicht hinlänglich befriedigte, von eben denen,
die ihn erhoben hatten, ſchnell aus dem Wege geräumt, ohne daß er irgendwie im Reiche zur Geltung 6*


