Aufsatz 
Claudius Gothicus : ein Beitrag zur römischen Kaisergeschichte / von Albert Duncker
Entstehung
Einzelbild herunterladen

41l

Orientalen als der Individualität ihrer Landsleute mehr entſprechend erachteten, das Land von des Kaiſers Herrſchaft loszureißen und unter die Botmäßigkeit der Zenobia zu bringen ſuchten. Ein gewißer Timagenes, ohne Zweifel eine Perſönlichkeit von bedeutendem Einfluß im Lande, bot ſich als dienſtwilliges Werkzeug an, den Palmyrenern die reiche Provinz in die Hände zu ſpielen. Man zögerte nicht, ſein Anerbieten anzunehmen, und ſo drang denn, von ihm geführt, in Claudius zweitem Regierungsjahre ein Heer von 70,000 Palmyrenern unter dem Oberbefehl von Zenobias erprobtem Feldherrn Zabdas über den Iſthmus von Suez vor, um ſich in den Beſitz des Landes zu ſetzen. Zu gleicher Zeit ſcheint ein Theil der Aegypter, namentlich die Bewohner des Deltalandes, die Fahne des Aufruhrs gegen die Herrſchaft des Kaiſers erhoben und ſich den Palmyrenern angeſchloßen zu haben. Daher erwieſen ſich denn die Gegenmaßregeln, welche die kaiſerlichen Befehlshaber und die treugebliebenen Einwohner gegen die feindliche Invaſion trafen, als unzulänglich; das Heer von 50,000 Mann, welches ſie aufgebracht hatten, ward völlig geſchlagen, Aegypten dem Reiche der Zenobia einverleibt. Und ſo ſicher ſchien den Palmyrenern der Beſitz der Provinz, daß Zabdas nur ein Corps von 5000 Mann zu ihrer Behauptung zurückließ und mit ſeinen übrigen Truppen bald wieder abzog. Allein kurz darauf landete der kaiſerliche Admiral Probus, der, wie wir ſahen, bisher gegen die Gothen gekreuzt*) und dabei Kunde von den gegyptiſchen Vorgängen erhalten hatte, vereinte ſeine Truppen mit den treugebliebenen ihm zuſtrömenden Aegyptern und trieb das palmyreniſche Corps wieder zum Lande hinaus. Doch war er noch keineswegs desſelben ganz wieder Herr, als Zenobia, die nicht gewillt war, ihre Beute ſo leichten Kaufes fahren zu laßen, ein neues ſtarkes Heer unter Zabdas und Timagenes gegen die agegyptiſche Grenze entſandte, um das Verlorne wieder zu gewinnen. Probus, der nach ſeinem erſten Siege nicht müßig geblieben war und zur Verſtärkung ſeiner bisherigen Streitkräfte die Truppen der nächſtgelegenen nordafrikaniſchen Küſtenländer und was ſonſt noch von Aegyptern zum Kaiſer ſtand, an ſich gezogen hatte, bewährte von Neuem ſein Feldherrntalent und ſchlug die Gegner nach hartnäckigem Kampfe ſo entſcheidend, daß er ſogar daran denken konnte, durch Verlegung ihrer Rückzugsſtraße nach Syrien ſie gänzlich zu vernichten. Demgemäß beſetzte er ſelbſt nach jener ſiegreichen Schlacht, die in der Nähe von Memphis ſtattgefunden zu haben ſcheint, mit einer Abtheilung ſeiner Truppen eine Anhöhe, die, in der Nähe des wichtigen Caſtells Babylon gelegen, die Straße über Heliopolis nach Syrien beherrſchte. Bei dieſem Manöver ſcheint er jedoch nicht mit der nöthigen Vorſicht verfahren zu ſein und die Widerſtandsfähigkeit der auf dem Rückzuge befindlichen Feinde unterſchätzt zu haben, denn Timagenes, der des Landes genau kundig war, erſchien plötzlich an der Spitze von 2000 Mann auf dem Gipfel jener Anhöhe, den Probus zu beſetzen unterlaßen hatte, überfiel die nichts ahnende Mannſchaft des kaiſerlichen Feldherrn und hieb ſie zuſammen. Probus ſelbſt, dem jede Gelegenheit, zu entkommen, abgeſchnitten war, gab ſich verzweifelnd den Tod ein ungleich härterer Verluſt für Aegygten, als der der Schaar, an deren Spitze der allzu ſiegesgewiße Führer den bis dahin ſo glänzend geführten Feldzug raſch zu beenden gedacht hatte. Zwar

*) Den Probus nennt 2Zos. I, 44. als vom Kaiſer mit der Säuberung des Meeres von Seeräubern beauftragt. Es liegt doch in dieſer Zeit unbedingt näher, darunter die im öſtlichen Mittelmeere ſtreifenden Gothen anzunehmen, als, wie Bernhardt p. 168. will, Piraten des rothen Meeres, weshalb ich meine Anſicht ohne Weiteres in den Text aufnehmen zu dürfen geglaubt habe.

6