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die wohl ſchwerlich von ihren Herrſchern oder der Geſammtheit ihres Volkes zu dieſen Expeditionen ausgeſandt wurden, ſondern auf eigene Fauſt unter Führern, die für die Dauer des einzelnen Unternehmens gewählt wurden, die römiſchen Provinzen brandſchatzten. Nachdem ſie erſt um 255 die Küſtenfeſtung Pityus am Oſtrande des ſchwarzen Meeres vergeblich berannt, ein Jahr darauf aber bei einem neuen Zuge ebenſo wie das reiche Trapezunt genommen, ungeheure Beute gemacht und die Schwäche und Muthloſigkeit der römiſchen Befehlshaber hinreichend kennen gelernt hatten, unternahmen ſie um 259 mit weit größeren Mitteln eine neue Raubfahrt gegen Kleinaſien. Chalcedon, Nicomedien, Nicäa, Kius, Apamea, Pruſa wurden im Fluge genommen, ausgeplündert und mit unzähligen kleineren Orten größtentheils in Aſche gelegt, bis tief ins Innere der Halbinſel der vernichtende Zug ausgedehnt. In dieſem Augenblicke der höchſten Noth war es, wo, wie ſchon früher erwähnt, der greiſe Valerian aus Syrien nach Kleinaſien eilte, um Gegenmaßregeln gegen die gothiſchen Räuber zu treffen, ſich indeſſen bald wieder, da ſeine Hülfe zu ſpät kam, nachdem die Barbarenflotte beutebeladen die römiſchen Küſten verlaßen hatte, der Abwehr der noch dringenderen Gefahr, die von den Perſern drohte, zuwenden mußte. Waren nun ſchon vorher die ſtaunenswerthen Erfolge der Gothenzüge einmal nur durch die von uns oben geſchilderte Lage des Weſtens, dann aber namentlich durch die Concentrirung der römiſchen Streitkräfte gegen die Perſer möglich geweſen, ſo mußte nach Valerians bald darauf erfolgender Gefangennahme der Widerſtand gegen die Barbaren vollends ſeinen Halt verlieren. Denn Odenath, ſo ſiegreich er Roms Sache gegen Sapor verfocht, hatte weder Zeit noch ernſtlichen Willen, energiſch den gothiſchen Raubſchaaren entgegenzutreten, da er wohl vorerſt ſeine Herrſchaft im Süden und Oſten zu conſolidiren beabſichtigte, ehe er auch am Pontus Euxinus und Archipel feſten Fuß faßte. Deshalb blieb die Aufgabe des Schutzes der Balkanhalbinſel und des vorderen Kleinaſiens Gallienus überlaſſen, der hier natürlich dieſelbe Schlaffheit wie bei ſeinem ſonſtigen Auftreten an den Tag legte. So können es die Barbaren wagen, ihre Unternehmungen noch viel weiter als vorher nach Süden auszudehnen. Der epheſiniſche Tempel ſinkt ſo 263 in Aſche, die Inſeln des aegaeiſchen Meeres werdén furchtbar verheert, trotzdem bleibt Gallienus perſönlich ganz unthätig und überläßt die Abwehr der gefährlichen Feinde ſeinen Feldherrn und Admiralen, denen, aus den Erfolgen ihrer Anſtrengungen zu ſchließen, keineswegs ausreichende Streitkräfte zu Gebote ſtanden. Als aber 267 die Gothen, vom Pontus in den Iſter ſchiffend, in großen Maſſen die römiſchen Provinzen zu Lande angriffen, während andere Schwärme an den Küſten der Propontis landeten, als gleichzeitig auf dem Balkan, am Bosporus und in Hellas gekämpft wurde, da endlich bewog doch die Größe des Unheils den Kaiſer ſelbſt nach Thracien zu eilen und perſönlich die Oberleitung des Kampfes zu übernehmen. Mit Anſtrengung aller Kräfte gelang es denn auch, die Barbaren zurückzuwerfen. Unter des Geſchichtſchreibers Dexippus Führung wurden die bis Achaja vorgedrungenen Gothenſchwärme beſiegt, während gleichzeitig glücklich am Bosporus gegen ſie gefochten wurde und Gallienus ſelbſt durch ein ſiegreiches Treffen, das er am Neſtusfluße den zurückziehenden Feinden lieferte, ſich ſeine letzten kriegeriſchen Lorbeeren erwarb. Denn ſeine Tage waren gezählt; ſchlimme Kunde aus Italien hemmte ihn mitten in ſeinem Siegeslaufe und rief ihn zum Kampf gegen einen neuen Uſurpator der kaiſerlichen Würde ab, der ſein Ende herbeizuführen beſtimmt war.
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