Aufsatz 
Claudius Gothicus : ein Beitrag zur römischen Kaisergeschichte / von Albert Duncker
Entstehung
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Durch dieſen Thronwechſel veränderte ſich jedoch die Stellung des Gallienus zu den Palmyrenern auf das Weſentlichſte. Er war keineswegs gewillt, wenn er auch Odenath nothgedrungen als Mitregenten anerkannt hatte, in den aſiatiſchen Provinzen eine feſtbegründete Dynaſtie aufkommen zu laſſen, die ſich naturgemäß der ſeinen immer mehr entfremden, immer größere Selbſtſtändigkeit gewinnen mußte. Allein ſein Verſuch, nach Odenaths Tode die Herrſchaft des Oſtens wieder an ſich zu ziehen, ſchlug gänzlich fehl. Offenbar täuſchte er ſich auch über die Machtverhältniſſe ſeiner Gegnerin und beſaß weder Mittel noch Ausdauer, um ein ſo gewaltiges Unternehmen, wie das der Wiedergewinnung des Oſtens war, durchzuführen. So ward denn das von ihm unter Heraclian nach Aſien entſandte Heer von Zenobias Truppen gänzlich vernichtet und an der weiteren Verfolgung von Plänen zum Sturze der palmyreniſchen Herrſchaft verhinderte ihn, wenn er ſie überhaupt hegte, die Bedrohung der ihm noch unterwürfigen Provinzen durch innere und äußere Feinde und ſein bald darauf erfolgender Tod.

Bei unſerer Betrachtung der Lage des Reichs in den letzten Regierungsjahren des Gallienus haben wir bisher unſere Aufmerkſamkeit hauptſächlich den Verhältniſſen des von Poſtumus und ſeinen Nachfolgern beherrſchten Weſtens, ſowie der Entwicklung der von Odenath im Orient begründeten palmyreniſchen Macht zuwenden können, während der Zuſtand der übrigen noch unter Gallienus Scepter befindlichen Provinzen erſt jetzt in Berückſichtigung gezogen werden ſoll. Es entſpricht indeſſen nicht unſerem Plane, eine der Dürftigkeit und Unklarheit der Quellen halber ohnehin ſchwer durchzuführende Darſtellung aller dahin bezüglichen Ereigniße zu geben; es ſoll hier nur in gedrängten Worten von den Vorfällen die Rede ſein, die zur allmählichen Herbeiführung von des Kaiſers Sturze von entſcheidender Mitwirkung waren und auf die Richtung der Regierungsthätigkeit ſeines Nachfolgers einen beſtimmenden Einfluß ausübten. Dahin ſind denn vor allen Dingen die Einfälle der ſeit Decius Ende gefährlichſten Reichsfeinde im Norden, der Gothen, zu rechnen. Seit Valerians Thronbeſteigung hatte der Kampf mit ihnen eigentlich nie dauernd geruht und der Schaden, den ihre verheerenden Züge dem Reiche zufügten, nahm ſogar von Jahr zu Jahr größere Dimenſionen an. Um die Mitte des dritten Jahrhunderts durch Niederwerfung des bosporaniſchen Reichs in den Beſitz der nördlichen Pontusküſte gelangt, begnügen ſie ſich nun nicht mehr mit der Beſitzergreifung von Landſtrichen in Dacien und Landeinfällen über die Donau, ſondern treten, ganz den Normannen des Mittelalters vergleichbar, als kühne Seefahrer auf, die mit ihren meiſt von den Küſtenſtädten der Bosporaner erpreßten Schiffen oder auf leichten Segelkähnen die Geſtade des Pontus Euxinus und des Archipel unſicher machen, unzählige blühende Städte auf das Furchtbarſte plündern und in Aſche legen und in weit ins Binnenland ſich erſtreckenden Zügen den friedlichen Provincialen ihr Hab und Gut entreißen, um beutebeladen und ſehr oft ganz unangefochten wieder zu ihren Schiffen zu gelangen und nach glücklicher Heimkehr durch ihre Erzählungen die beutegierigen Stammgenoſſen zu immer neuen, kühnen Zügen nach jenen reichen Geſtaden anzureizen. Man hat genauere Unterſuchungen über die Zeit und die Zahl dieſer Seezüge angeſtellt und unterſcheidet deren nun von Valerians Regierungsantritt bis zu Claudius Zeiten etwa acht;*) gewiß ſcheint indeſſen, daß neben dieſen größeren Unternehmungen auch eine Menge kleinerer herliefen, von denen uns nicht ausdrücklich berichtet wird. Es war ein fortwährendes Kommen und Gehen von beuteſuchenden gothiſchen Schwärmen,

*) Pallmann Geſch. d. Völkerwanderung I. 54 sqd.; Bernhardt p. 24 sqqd.