Aufsatz 
Claudius Gothicus : ein Beitrag zur römischen Kaisergeschichte / von Albert Duncker
Entstehung
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verſchafft hatte, gebot er dann in ungetrübtem Glücke ſieben Jahre lang im Oſten(260 267) und ſicherte nicht nur während der ganzen Dauer ſeiner Regierung die von ihm beherrſchten Provinzen vor jedem feindlichen Angriffe, ſondern erſchien ſogar, wenn wir dem Bericht des Zoſimus, eines in orientaliſchen Angelegenheiten gewöhnlich gut unterrichteten Autors, Glauben ſchenken, nun ſeinerſeits zur Offenſive vorgegangen, zum zweiten Male als Sieger vor der feindlichen Hauptſtadt. Nur als eine billige Anerkennung der hohen Verdienſte Odenaths mag es dann erſcheinen, wenn ihn Gallienus zu einer Zeit, wo er mehr als ſonſt der Stütze bedurfte, als er mit Poſtumus, dem Uſurpator des Weſtens, im Kampf begriffen war, von freien Stücken als Mitregenten und Imperator des Oſtens anerkannte(264). Denn in der Abſicht, jenen Rebellen und Mörder ſeines Sohnes zu vernichten, war endlich Gallienus, von ſeinen beſten Feldherrn unterſtützt, nach Gallien gezogen. Ueber die Zeit des Feldzuges ſchwanken die Angaben der Quellen, ſeine Reſultate indeſſen ſind ziemlich klar erſichtlich. Poſtumus wehrte ſich heldenmüthig, ſah aber ſchließlich, der überlegenen Macht des Gegners gegenüber, doch kein anderes Mittel, ſeine Herrſchaft zu behaupten, als in einer Theilung derſelben mit dem damals von Gallienus abfallenden*) Feldherrn M. Piavonius Victorinus, durch deſſen friſche Truppen unterſtützt, er dann im Stande war, den Kampf ſo lange hinzuziehen, bis Gallienus, ſei es durch eine Wunde veranlaßt, die er bei der Beſtürmung einer galliſchen Stadt empfing, ſei es wegen des hartnäckigen Widerſtands des Gegners am Erfolge verzweifelnd, vom Angriffe abließ, offenbar in der Abſicht, denſelben ſpäter und unter günſtigeren Verhältnißen zu erneuern. So gewinnreich dies Reſultat nun auch für Poſtumus erſcheinen mochte, ſo hatte doch dieſer Kampf ſeinem Anſehen einen Stoß verſetzt, von dem er ſich nicht wieder erholte und der auch in ſeinen Folgen zu ſeinem Untergange führte. Seine Machtſtellung erſchien nicht mehr unerſchütterlich, ſeit die Noth ihn gezwungen hatte, ſie mit Victorin zu theilen, daher wird bald auch im eigenen Lande der Verſuch gewagt, ihm die Herrſchaft zu entreißen. Am Rhein erhebt ſich Laelianus, einer ſeiner Unterfeldherrn, der ſich in glücklichen Kämpfen gegen die Germanen einen Namen gemacht hatte, und nimmt den kaiſerlichen Purpur an. Poſtumus zieht gegen ihn und erſtürmt Moguntiacum, einen Hauptſitz der Empörung; weil er aber ſeinen beutegierigen Truppen die Plünderung der reichen Stadt verweigert, wird er von dieſen ermordet und an ſeiner Statt M. Aurelius Marius**) zum Imperator ausgerufen, ein ungebildeter Emporkömmling, der ſich einſt vom Schmiedehandwerk dem Waffendienſte zugewendet hatte.

Schon bei deſſen Erwählung tritt, laut des Zeugnißes der einzigen für uns in dieſem Falle maßgebenden Quelle(H. A. Trig. tyr. 5, 3.), der Einfluß einer merkwürdigen Frau hervor, der Victorina, Mutter von Poſtumus Mitregenten Victorinus. Sie ſcheint ihren Sohn vollſtändig beherrſcht und ſchon zu ſeinen Lebzeiten bei Heer und Volk ein außerordentliches Anſehen genoßen zu haben, das ſich nach ſeinem Tode noch bedeutend ſteigerte. Nachdem ſie alſo der Wahl des Marius ihre Genehmigung ertheilt, ſehen wir um 266 zu gleicher Zeit drei Kaiſer in den Weſtprovinzen: Victorinus,

) Dieſen Umſtand ſcheint mir Th. Bernhardt:Geſchichte Roms von Valerian bis zu Diokletians Tode I. p. 91 überzeugend nachgewieſen zu haben.

) Den Beweis für die im Folgenden von mir angegebene Stellung des Marius zu den übrigen gleichzeitigen Beherrſchern Galliens behalte ich mir für eine anderweitige Abhandlung vor.