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und Wohlfahrt über Alles gieng, faſt als einen Act des Patriotismus. Denn gerade um die Zeit, wo Poſtumus zuerſt als Herr von Gallien auftrat, tobte heftig im Oſten der Kampf mit den eingedrungenen Gothenſchwärmen, die verheerend Kleinaſien durchzogen. Gallienus hatte zwar in blutiger Schlacht den Ingenuus vernichtet und darauf, über die Alpen zurückeilend, ein Alemannenheer, das in Italien eingefallen war und deſſen Horden ſchon bis an Ravennas Thore geſtreift hatten, durch einen großen Sieg bei Mailand aus dem Stammlande des Reichs vertrieben, war aber dann, gleich als ob nun ſeine Aufgabe gelöst ſei, in Italien im Uebermaße des Schlemmerlebens in gänzliche Apathie verſunken, indeſſen im Oſten der alte Valerian eben den Feldzug gegen die Perſer zurüſtete, der ihn und das Reich in ſo großes Unheil zu ſtürzen beſtimmt war. So kam es, daß Poſtumus Sonderherrſchaft im Anfange nicht nur nicht angefochten ward, ſondern es dieſem ſogar, zumal er ſich als einen kräftigen Beſchützer der Grenzen gegen die Germanen erwies und auch im Inneren die Wohlfahrt ſeiner Unterthanen zu fördern verſtand, mit der Zeit gelang, ſeine Herrſchaft auch über Britannien und Spanien zu erſtrecken, ſo daß er als Herr des ganzen römiſchen Weſtens während einer etwa neunjährigen Herrſchaft(258— 267) erſcheint und die Macht dieſes Uſurpatorenthrons ſo feſt zu begründen vermochte, daß derſelbe ſich ſogar auf Nachfolger vererben konnte.
Bald nachdem ſo in dieſem Manne ein ſtarker Schirmherr des römiſchen Weſtens erſtanden war, kam ſchlimme Kunde aus dem Oſten. Valerian, der den größten Theil ſeiner Regierungsthätigkeit auf den Schutz der orientaliſchen Provinzen verwandt, war im Feldzuge des Jahres 260 gefangen, ſein Heer zerſprengt, der Perſerkönig bis in das Herz von Kleinaſien vorgedrungen. Antiochia, die Metropole des Oſtens, war ſchon in ſeiner Hand, Syrien von feindlichen Schaaren überfluthet, Cäſarea, die Hauptſtadt Kappadociens, das ſtärkſte Bollwerk zum Schutz des vorderen Kleinaſien, durch Verrath gefallen und nach ſolchen Niederlagen der Verluſt des Oſtens an die Saſſaniden mehr als wahrſcheinlich. Denn von Gallienus Seite geſchah nicht das Mindeſte, um dieſem drohenden Unheil vorzubeugen; weder Regenten⸗ noch Sohnespflichten waren ſtark genug in ihm, um ihn zum Schutz des bedrängten Oſtens oder zur Befreiung ſeines greiſen Vaters zu bewegen, deſſen ſchmachvolle Behandlung durch Sapor den Grimm eines jeden Römers erregen mußte, der noch irgend Etwas von dem Geiſte der Väter in ſich trug, die einſt durch eine Reihe von Siegen über die Barbaren ihr Weltreich aufgerichtet hatten. Doch noch war es im Buche der Geſchicke nicht beſtimmt, daß jene reichen Länder Vorderaſiens die Beute orientaliſcher Eroberer werden, helleniſche Cultur und Geiſtesbildung, die ſeit den Tagen des großen Macedoniers dort ihre Stätte aufgeſchlagen hatten, unter dem Drucke eines aſiatiſchen Despotismus verkümmern ſollten— auch der Oſten fand ſeinen Retter in Odenath, einem vornehmen Bürger des durch Handel reich gewordenen Palmyra. Anfänglich im Beſitze geringer Mittel, bald aber vermöge eines außerordentlichen organiſatoriſchen Talents an der Spitze anſehnlicher Streitkräfte, vermochte dieſer kühne Mann in kurzer Zeit nicht nur den Siegeslauf der Perſer zu hemmen, ihnen ihre Beute zum großen Theile wieder zu entreißen, ſondern ſie auch dermaßen zu ſchlagen, daß er ſiegreich bis zur Reſidenz Sapors, der Tigrisſtadt Kteſiphon, vordringen konnte. Nachdem er nach dieſen Siegen den Königstitel angenommen und durch tluges Verfahren ſich die Einwilligung des Gallienus, den er dem Namen nach immer noch als Oberherrn anerkannte, zu der neuen Geſtaltung der Dinge im Orient


