Aufsatz 
Claudius Gothicus : ein Beitrag zur römischen Kaisergeschichte / von Albert Duncker
Entstehung
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ihrer Vorgänger zum Verderben gereichen, die vor der Nachwelt die Verantwortung für das mit auf ſich nehmen müſſen, was Andere längſt vor ihnen gefrevelt haben. In der heilloſen Soldatenherrſchaft, wie ſie ſeit Septimius Severus Tode im Reiche Platz gegriffen hatte, und der auch die beßeren Nachfolger jenes Kaiſers, wie ein Alexander Severus, trotz allen edlen Strebens ſchließlich zum Opfer gefallen waren, iſt weit eher der Grund für die allgemeine Verwirrung unter Gallienus zu ſuchen, als in der Perſönlichkeit dieſes Herrſchers. Drohende Gefahr von Außen, in dieſem Maße ſeit mehr als einem Jahrhundert den Römern unbekannt, das unglückliche Ende eines Decius, dem nachher das des Valerian folgte, beſchleunigten die Kataſtrophe, zu deren Abwendung allerdings Männer anderen Schlages gehörten, als eben Gallienus. Indeſſen iſt nicht zu verkennen, daß in Gallienus Regierungsweiſe allmählich eine entſchiedene Wendung zum Schlechteren eintrat; mit der wachſenden Schwierigkeit der ihm zukommenden Aufgabe erlahmte ſeine Thatkraft immer mehr und er ließ die Dinge eben ihren Gang gehen, unbekümmert darum, ob ein Stück des Reiches nach dem anderen ſeiner Herrſchaft entfremdet wurde. Doch liegt es hier nicht in unſerer Abſicht, näher auf alle die zahlreichen Erhebungen der Heerführer einzugehen, die ſich damals auf längere oder kürzere Zeit die kaiſerliche Würde anmaßten und nach Pollios Vorgange mit dem wenig paſſenden Namen der30 Tyrannen bezeichnet zu werden pflegen; wir haben nur derjenigen unter ihnen in aller Kürze Erwähnung zu thun, deren Auftreten und Wirken für das Verſtändnis der Geſchichte des Kaiſers, den wir näher zu ſchildern beabſichtigen, von beſonderer Wichtigkeit iſt.

Wie ſchon früher erwähnt, hatte Valerian bald nach ſeiner Thronbeſteigung ſeine Aufmerkſamkeit gänzlich dem Oſten des Reiches zugewendet und die Sicherung der Weſt⸗ und Nordgrenzen ſeinem Sohne überlaßen. Hier galt es hauptſächlich, die Franken und Alemannen, welche damals die galliſchen Provinzen mit ihren Einfällen beläſtigten, zurückzuſchlagen, eine Aufgabe, deren Löſung ſich Gallienus nach dem Zeugnis von Geſchichtsſchreibern und Münzen mit Glück unterzogen zu haben ſcheint, freilich nicht ohne daß ein großer Theil der errungenen Erfolge der Trefflichkeit ſeiner Feldherrn zugeſchrieben werden muß. Vor Allen war die Seele von des Kaiſers Unternehmungen der tapfere Poſtumus, und deſſen Stellung mußte einen noch viel höheren Grad von Wichtigkeit gewinnen, als im Jahre 258 Gallienus Gallien verlaſſen mußte, um gegen Ingenuns, den Feldherrn der möſiſchen Legionen, zu ziehen, der ſich den kaiſerlichen Purpur angemaßt hatte. Allein bei ſeinem Weggange begieng der Kaiſer die Unklugheit, die Verwaltung der Provinz während ſeiner Abweſenheit nicht dem Poſtumus, dem Volk wie Heer alle Vortheile der letzten Jahre zuſchrieben, ſondern den Händen ſeines unmündigen Sohnes Saloninus Gallienus anzuvertrauen, wie auch bei der Beſetzung der Stelle eines erſten Rathgebers des Prinzen dieſen Feldherrn, augenſcheinlich aus Neid und Mißtrauen gegen deſſen Einfluß bei den Truppen, zu übergehen. War es da ein Wunder, wenn der ob ſolchen Verfahrens ſchwer beleidigte Poſtumus, noch ohnehin durch neue Kränkungen ſeitens des kaiſerlichen Knaben und ſeines Mentors immer mehr dem Herrſcherhauſe entfremdet, im Bewußtſein ſeiner Macht und ſeiner Verdienſte den von den Provincialen wohl längſt erſehnten Schritt that, den Salonin mit ſeinem läſtigen Rathgeber ſtürzte und aus dem Wege räumte. Die Annahme des kaiſerlichen Purpurs war die naturgemäße Folge dieſer Handlung und weit entfernt, dieſe Uſurpation tadelnswerth zu finden, betrachteten ſie die Zeitgenoſſen, die an etwas Höheres dachten als an den Glanz des valerianiſchen Hauſes, denen des Reiches Ruhe