Aufsatz 
Claudius Gothicus : ein Beitrag zur römischen Kaisergeschichte / von Albert Duncker
Entstehung
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angrenzenden Provinzen zu werfen. Gewaltigere Streitkräfte als zu den Zeiten der Claudier und Flavier ſtanden den Barbaren zu Gebote, denn ſeit dem zweiten Jahrhundert hatte unter den Germanen jenes Streben nach Centraliſation der Einzelſtämme ſeinen Anfang genommen, woraus in der Folge jene großen Völkerbünde hervorgiengen, die man mit den Namen der Marcomannen, Hermunduren, Alemannen, Franken zu bezeichnen pflegt. So kämpfen Caracalla, Alexander Severus und Maximin an Rhein und Donau gegen die einbrechenden Nordvölker und auch im vierten Decennium des dritten Jahrhunderts ſcheinen, den Münzen jener Zeit nach zu ſchließen, feindliche Zuſammenſtöße mit den gefährlichen Grenznachbarn ſtattgefunden zu haben. Die größere Gefahr drohte indes damals zweifelsohne von den Perſern, deren Bekämpfung auch den größten Theil der Regierungszeit Gordians III. und ſeines Nachfolgers Philipp ausfüllte; der Krieg gegen die Germanen mag ſich damals auf die Abwehr ihrer Plünderungszüge von den Grenzprovinzen beſchränkt haben und ſeine Führnng den Statthaltern der nördlich gelegenen Reichstheile anvertraut geweſen ſein. Doch war dies nur eine kurze Ruhe vor den kriegeriſchen Feinden im Norden, jener vergleichbar, die in der Natur dem Ausbruch eines Gewitters voranzugehen pflegt. Hatte noch der Römer im Taumel der prachtvollen Feſte, mit denen Philippus Arabs Roms tauſendjähriges Beſtehen feierte, ſich den Herrn des Erdkreiſes gedünkt, hatte er noch einmal den Traum von ſeines Reiches Macht und Herrlichkeit geträumt, ſo konnte er auf keine furchtbarere Weiſe aus ſeinem Wahne aufgerüttelt werden, als durch das Unheil, das im Jahre 251 über Rom hereinbrach. Faſt ein Jahrhundert war dahingegangen, ſeit Marc Aurels ſtarke Hand in heißem Kampfe den Andrang der Marcomannen abgewehrt hatte, da traf ein neuer Anſturm germaniſcher Stämme das Reich, weit gewaltiger, als der, den jener große Kaiſer ſo heldenmüthig zurückſchlug. Längſt waren auch die Tage eines Trajan und Hadrian vorüber und der Stoß traf nicht mehr einen feſten Bau, an deſſen Verſtärkung weiſe Meiſter fortwährend arbeiteten, ſondern ein Gebäude, das zwar nach Außen hin noch groß und impoſant daſtand, deſſen Grundmauern aber, dem Berſten nahe, nur mühſam noch der Wucht des Anpralls Widerſtand zu leiſten vermochten. Dazu kam noch, daß dieſer neue Angriff von einem Volke ausgieng, deſſen jugendliche Kraft ſich noch nicht mit der Roms in größeren Kämpfen gemeſſen hatte, das aber bald an kriegeriſchem Ruhm alle ſeine Stammgenoßen weitaus übertreffen ſollte. Dieſes Volk, das damals erſt aus dem Schatten der Sage in das Licht der Geſchichte trat und dem es im Verlaufe der Geſchicke beſtimmt war, ſeine Reiche auf den Trümmern der weltbeherrſchenden Roma zu errichten, waren die Gothen. Von den Geſtaden der nördlichen Meere allmählich zu den Küſten des Pontus Euxinus herabgezogen, treten ſie von der Mitte des dritten Jahrhunderts an den Römern als Feinde bald in ſolcher Furchtbarkeit entgegen, daß ſie, während zugleich die Perſer im Oſten mit immer wachſender Macht herandrängten, in Gemeinſchaft mit dieſen und von der im Reiche herrſchenden Anarchie unterſtützt, ſchon dazumal dem morſchen Römerſtaate den Todesſtoß zu verſetzen beſtimmt ſchienen. Die Gefährlichkeit ihres Angriffs bekundete alsbald der Umſtand, daß der Mann, der ihnen an der Spitze der römiſchen Macht ſich zuerſt entgegenſtellte und erlag, eine Perſönlichkeit war, die nach dem übereinſtimmenden Zeugnis der Geſchichtsſchreiber den Beſten zugeſellt zu werden verdient, die je den Thron der Cäſaren ſchmückten. Mit Heldenmuth warf ſich dieſer Herrſcher, der tapfere Decius, den hereinbrechenden Gothenſchaaren entgegen, allein er ließ Sieg und Leben gegen ſie in den Gefilden Möſiens(251) und