„Ach, und Rom in ſeiner Schande, das vordem die Welt gewann, Flehte zum Olymp um einen, flehte nur um Einen Mann! Aber Männer ſind erſtanden, Männer führen uns zur Schlacht; Scipio, Marius und Pompejus ſind aus ihrem Grab erwacht!“
A. v. Platen„Tod des Carus“.
Der Proceß der Auflöſung, welcher ſeit Marc Aurels Hinſcheiden an dem Rieſenleib des Römerreichs in immer deutlicheren Spuren hervortrat, ſchien ſich um die Mitte des dritten Jahrhunderts ſchon ſeinem Ende nähern zu wollen. Zu der ſittlichen Fäulnis, welche ſchon längſt in den herrſchenden Schichten des Volkes Platz gegriffen hatte, zum Militärdespotismus, der nach Neros Tode eine Zeit lang alle ſeine Schrecken gezeigt, dann über ein Jahrhundert unter weiſen Herrſchern zurückgetreten, ſeit Severs Erhebung in um ſo dauernderer Weiſe ſich wieder geltend machte, kam die Gefährdung von Außen hinzu und drohte dem morſchen Coloß ſchnelle Zertrümmerung. Denn im Beginn des dritten Jahrhunderts hatte im Oſten das alte Partherreich dem neuperſiſchen und der jungen, thatkräftigen Dynaſtie der Saſſaniden Platz gemacht, die mit größerer Conſequenz und reicheren Hülfsmitteln als je vorher die Partherkönige ihre eroberungsſüchtigen Pläne gegen Roms reiche aſiatiſche Provinzen verfolgten. Der Sand der ſyriſchen Wüſte und die Wogen des Euphrat deckten die Gebeine zahlloſer Tapferen, mit denen Alexander Sever, der dritte Gordian und Philippus Arabs ſich dem wilden Feinde entgegengeworfen hatten, dem Weſten des Reichs ward der Kern ſeiner Heere entzogen, um den Oſten zu ſchützen, und dennoch hatten dieſe außerordentlichen Anſtrengungen keineswegs die Größe der Gefahr gemindert, die ſogar um das Jahr 260 eine ſolche Höhe erreichte, daß der Verluſt des Oſtens unausbleiblich, König Sapor die ſtolzen Anſprüche ſeines Hauſes auf der Großkönige Reich zur Wahrheit machen zu wollen ſchien.
Nicht viel beßer war die Lage von Mitte und Weſten des Römerſtaats. Eine gewaltige Bewegung unter ſeinen Nachbarn im Norden, den Stämmen der Germanen, gab ſich bereits ein Jahrhundert lang kund und hatte man früher von Seiten Roms ſich mit weitgehenden Eroberungsplanen getragen, ſo begnügte man ſich jetzt, das Errungene zu behaupten, eine Aufgabe, die den Imperatoren nun nicht mehr allzuleicht ward. Denn die Römer waren ſeit jenem gefährlichen Marcomannenkriege, der einen großen Theil von Marc Aurels ruhmreicher Regierung ausfüllt, den Germanen gegenüber aus Angreifern Angegriffene geworden. Dieſem erſten großen Offenſiokriege deutſcher Völkerſchaften gegen den Grenznachbar waren ſeitdem in größeren und kleineren Zwiſchenräumen Verſuche der Nordvölker gefolgt, die von den Römern beſetzten deutſchen Landſtriche wieder zu erobern und von da aus ſich dann auf die


