Aufsatz 
Zum Andenken an den am 25. März 1887 gestorbenen Gymnasialoberlehrer Bruno Berlit / Konrad Duden
Entstehung
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Einfacher kann sich der Lebenslauf eines unserer Fachgenossen wohl kaum gestalten. Lernzeit, Probejahr, Lehrthätigkeit, alles am Gymnasium der Vaterstadt, und zwar alles hinter- einander, nur unterbrochen durch das knappste Maß akademischer Studienzeit an der Uni- versität der Heimatprovinz es ist ein Gang der Entwicklung, wie man ihn eigentlich für einen Gymnasiallehrer, der doch nicht nur durch fachmännische Gelehrsamkeit, sondern auch durch umfassende Bildung, durch Welt- und Lebenskenntnis überhaupt seinen Schülern als eine bedeutendere Persönlichkeit erscheinen soll, gerade nicht wünschen möchte. Und dennoch hat an unserm Gymnasium wohl kaum jemals ein Lehrer gewirkt, dem die Jugend lieber und williger zugestanden hätte, daß er eine über das Mittelmaß hinausragende, einebedeutendere Persönlichkeit sei, und dem sie mit größerer Liebe und Verehrung zugethan gewesen wäre. Ja unsre Jugend vermißte nicht nur nicht, was ihm vermöge seines ganzen Bildungsganges fehlen mußte und auch wirklich fehlte, sondern sie liebte geradezu die Fehler seiner Pugenden. Jene mußten sich naturgemäß zugleich mit diesen entwickeln.

Reichbegabt, der Klteste von 5 Geschwistern, erlangte er früh, kaum der Kindheit entwachsen, in seinem elterlichen Hause einen maßgebenden Einfluß. Als sein Vater starb, war Berlit ein Knabe von 12 Jahren, und schon damals ward er sich der Pflichten bewußt, die er als der älteste Sohn gegenüber der Familie zu erfüllen habe. Und es war eine Freude, zu sehen, mit welcher Aufopferung er sich der Erfüllung dieser Pflichten hingab. Seine ganz un- gewöhnliche Arbeitskraft, unterstützt von einer, wie es schien, unverwüstlichen Gesundheit, gestattete ihm, schon zu einer Zeit, wo andere von der Arbeit der Vorbereitung auf ihren Beruf ganz und voll in Anspruch genommen werden, ein gutes Teil seiner Thätigkeit dem Dienste seiner Familie zu widmen. So ward er in jungen Jahren schon seiner Mutter und seinen Geschwistern durch Rat und That eine kräftige Stütze, und das blieb er auch dann noch, als er durch Gründung einer eigenen Familie sich einen neuen Pflichtenkreis geschaffen hatte. Zum Ausgleich für die großen Opfer, die er sich für das elterliche Haus auferlegte, hatte er denn auch schon als junger Mann die höchste Freude, die einem Familienhaupte zu teil werden kann: seine Aussaat fiel auf guten Boden, und es erwuchs ihm daraus Liebe und Verehrung.

So wurde Berlit durch die Verhältnisse gezwungen, früh zu entscheiden, zu handeln, selbständig zu werden. Daß sich dadurch auch ein starkes Selbstbewußtsein in ihm entwickelte, ist nur zu natürlich. Allein sein entschiedener Wahrheitssinn und sein durchaus edler Charakter bewahrten ihn vor der Ausartung des Selbstgefühls in Selbstüberhebung. Ja es trat dem Selbstgefühl eine wahrhaft rührende, ich möchte sagen kindliche Bescheidenheit und Unter- ordnung unter fremde Meinungen zur Seite, wenn sich's um Dinge handelte, über die er sich kein selbständiges Urteil zutraute. Nach außen rauh, nicht selten hart und schroff., war er innerlich weich, von edelster, humanster Gesinnung, und immer zuverlässig und treu wie Gold.

Dabei beherrschte ihn ein rastloser Thätigkeitstrieb. Glühende Vaterlandsliebe beseelte ihn, und wahrhaft ans Herz gewachsen war ihm sein Beruf. Auf beiden Gebieten, in der Erfüllung seiner allgemeinen Staatsbürgerpflichten und in der durch sein Amt ihm auferlegten Berufsthätigkeit konnte er sich nie genug thun.

Wenn es galt, durch gesteigerte Arbeit und Hingebung schnell ein bestimmtes Ziel im politischen Leben zu erreichen, z. B. bei den Wahlen zur Volksvertretung, so kannte er