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keine Rücksicht auf die Güter, mit denen ein guter Hausvater sonst sparsam umzugehen für nötig hält, auf Geld und Zeit. Er gab dann, was er hatte, und arbeitete mehr, als er konnte — ich sage mehr als er konnte. Denn da die Schule unter seiner zuweilen fieberhaften Thätig- keit nicht leiden durfte und sollte, sSo blieb ihm in solchen Zeiten der Aufregung nichts übrig, als dem Haus und der Nachtruhe die Stunden zu entziehen, die er dem Dienst des Vaterlandes zu widmen für seine heilige Verpflichtung hielt. Aber auch in ruhigen Zeitläuften bekundete er seinen auf das Wohl der Gesamtheit gerichteten Sinn durch rege Teilnahme an den gemein- nützigen Bestrebungen aller Art. So erwarb er sich insbesondere auch durch eine Reihe ge- diegener Vorträge über litterarhistorische Themata große Verdienste um den hiesigen„Allge- meinen Bildungsverein“, ebenso wie er zu den Begründern und Förderern des so segensreich wirkenden„Vereins gegen Verarmung und Bettelei“ gehörte.
Sein eigentliches Arbeitsfeld aber war die Schule. Hier wirkte er unermüdlich mit Lust und mit Liebe, und hier erblühten ihm die schönsten Erfolge. Weit über das Maß der von Amts wegen ihm zugewiesenen Arbeit hinaus widmete er Kraft und Zeit der Jugend, die seiner Obhut und Fürsorge anvertraut war. Und wenn das Hersfelder Gymnasium, was seine wissenschaftliche Leistungsfähigkeit betrifft, unter den Schwesteranstalten der Provinz eine ge- achtete Stellung einnimmt, und wenn die Hersfelder Abiturienten als Studenten und als Männer in Amt und Würden mit so pietätsvoller Anhänglichkeit von ihrer Gymnasiastenzeit reden, so ist das zum großen Teil Berlits Verdienst. Natürlich verschmähte seine Kernnatur alles Haschen nach Beliebtheit, ja er konnte auch gegen die Schüler rauh und schroff sein. Und wenn sie ihn dennoch alle lieb hatten, so geschah es, weil sie wußten, daß er, um es volks- tümlich auszudrücken, etwas für sie übrig hatte. Wie er stets bereit war, für erkrankte oder schwache Kollegen auch ein erbebliches Mehr an Arbeit auf sich zu nehmen, und wie er es als selbstverständlich ansah, daß die Kollegen sich gegenseitig zu helfen und zu stützen haben, so erschien es ihm auch selbstverständlich, daß er für seine Schüler auch außerhalb der Schul- zeit thun müsse, was er könne, um sie wissenschaftlich und in ihren andern Interessen zu unterstützen und zu fördern. Mit seltenem Geschick wußte er besonders in dem Verkehr außerhalb der Schule sich auf den Standpunkt der Schüler zu versetzen und dabei doch stets die Würde des Lehrers zu behaupten, so daß er ihnen in der That war, was der Lehrer den Schülern sein soll, ein väterlicher Freund.
Diesem innigen Verhältnis zu seinen Schülern entspricht es denn auch, wenn er in seinem langen Leiden die Trennung von ihnen so schmerzlich empfand. Seine gewaltige Willenskraft bäumte sich auf gegen den Gedanken, daß er dauernd unfähig sein könne, Stunden zu halten. Auch in der schlimmsten Zeit, wo die mit liébender Sorgfalt ihn umhegenden Seinigen schon mit banger Ahnung des Kommenden erfüllt waren, hielt er noch an der Hoff- nung fest, schon bald seine Thätigkeit in der Schule wieder aufnehmen zu können. Sein letzter Ausgang war der Gang zum Abiturientenexamen im Herbst 1886. Nur höchst ungern über- ließ er die Vorbereitung„seiner“ Abiturienten für den Ostertermin 1887 andern Händen. Den ganzen Winter hindurch verfolgte er, stets der Hoffnung lebend, daß er die Arbeit bald wieder in die eigne Hand werde nehmen können, ihre Fortschritte. War es doch eine besonders gute Generation, die ihrem Ziele entgegenzuführen wirklich eine Freude war. Diese Freude freilich sollte ihm versagt bleiben, dagegen war es ihm noch vergönnt, den erfreulichen Ausfall


