Aufsatz 
Ein Beitrag zu einer Biographie Max von Schenkendorfs / von Drescher
Entstehung
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das sänftigende, zur Ruhe in Gott mahnendeAn das Herz:

Lass legen sich die Ungeduld,* Dort oben waltet Vaters Huld,

Sei stille, Herz, nur stille! Der neige sich dein Wille; ¹) das andachtsinnigeSonntagsfrühe, worin er in Uhlandscher Weise den Segen des Sonntags und seiner kirchlichen Feier preist:

Erde weit und ohne Grenzen! Reich an Sternen und an Kränzen Himmel drüber ausgespannt! Scheint ihr mir ein heilig Land;²) und das im höheren Chor gehalteneWeihnachtslied: Brich an du schönes Morgenlicht! Der Teufel hat sein altes Recht Das ist der alte Morgen nicht, Am ganzen menschlichen Geschlecht Der täglich wiederkehret. Verspielt schon und verloren. Es ist ein Leuchten aus der Fern', Wer ist noch, welcher sorgt und sinnt? Es ist ein Schimmer, ist ein Stern, Hier in der Krippe liegt ein Kind Von dem ich längst gehöret. Mit lächelnder Geberde. Nun wird ein König aller Welt, Wir grüssen dich du Sternenheld! Von Ewigkeit zum Heil bestellt, Willkommen Heiland aller Welt! Ein zartes Kind geboren. Willkommen auf der Erde! ³)

Schenkendorfs geistliche Lieder sind der reinste Erguss seiner frommen Seele und sprechen sein gläubiges Gottvertrauen mit solcher Innigkeit, mit einer solchen Wärme und in einer so reinen, einfachen und doch echt poetischen Sprache aus, dass wir sie unbedingt zu den besten der Gattung rechnen dürfen. Dieses Urteil von Heinrich Kurz in seinerGeschichte der deutschen Litteratur stehen wir nicht an zu dem unsrigen zu machen und damit als treffend und richtig zu bezeichnen; so wenig wir andererseits ihm darin beizustimmen vermögen, dass er Schenkendorfs religiösen Ge- dichten vor seinen Kriegs- und Freiheitsliedern weitaus den Vorzug giebt. Uns scheint der Dichter vielmehr gerade in seinen Kriegs- und Freiheitsliedern das Höchste erreicht zu haben, dessen sein Genius überhaupt fähig war: sie bilden recht eigentlich den Schwerpunkt seiner dichterischen Thätigkeit, und sie sind es, welche seinen Namen dem Grabesmoder entrückt und der Unsterblich- keit überliefert haben.

Werfen wir nun nach dieser, wie ich hoffe, erschöpfenden Charakteristik der Lieder Schenken- dorfs und seiner Dichtereigentümlichkeit noch einen Blick auf die Stellung, die er innerhalb unserer poetischen Nationallitteratur einnimmt. Ohne Zweifel gebührt ihm unter dem Sängerkreis der Freiheitskriege ein hervorragender Ehrenplatz. Arndt und Körner sind in ihren Liedern die lautesten Vertreter der Idee der Freiheit und nationalen Unabhängigkeit; Stägemanns Oden durch- zieht der Gedanke an die Wiederherstellung der unbeschränkten Herrschergewalt; in seinenge- harnischten Sonetten hat Rückertseines Volkes Schande und Sieg in Glutbuchstaben nieder- geschrieben; Schenkendorfs Lieder durchzieht als der eigentliche Grundton die Sehnsucht nach Wiedererstehung von Kaiser und Reich in seiner früheren Herrlichkeit. Diese Idee, die er aus den Dichtern der romantischen Schule geschöpft hatte, bildet den Kern seiner vaterländischen Lieder; aber sie verrät doch mehr ein dunkeles Sehnen nach der grossen Vergangenheit als ein bewusstes Streben nach einer grossen Zukunft. Diese Eigentümlichkeit Schenkendorfs erklärt sich wesentlich aus der mystisch-schwärmerischen Richtung der romantischen Schule, die seine weiche, nicht markig und individuell genug ausgeprägte Dichternatur mächtig ergriff und beeinflusste. Er ist zu wenig kalt denkender und praktisch abwägender Politiker, als dass er sich klare Rechenschaft darüber

1) 1. Str. pag. 234. 2) vorletzte Strophe pag. 218. 3) 1., 2., 5. Str. pag. 170.