Aufsatz 
Ein Beitrag zu einer Biographie Max von Schenkendorfs / von Drescher
Entstehung
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Bildungsgang gewissermassen seinen inneren Entwicklungsprozess in stufenmässiger Gliederung an- deutet, wie andererseits seine Dichtungen, als der Spiegel seiner poetischen und geistigen Individualität, erst durch ihre rechte Beziehung auf die Einflüsse und Einwirkungen seiner äusseren Umgebung in ihrer vollen Bedeutung erfasst und richtig gewürdigt werden können, ist dafür notwendige Vor- aussetzung. Schon im Eingang wurde darauf hingewiesen, dass Schenkendorf bei seiner weichen, zur stillen Beschaulichkeit geneigten Natur, in welcher sich infolge des Einflusses der romantischen Schule ein mystisch-schwärmerischer Zug mit grosser Thatkraft und energischer Begeisterung ver- band, nicht am mächtigsten unter den Freiheitsdichtern auf seine Zeit eingewirkt hat. In dieser Beziehung steht er gegen Arndt und Körner zurück. Seine Natur drängte nicht zu dem lauten und stürmischen Ausdruck ihres inneren Lebens hin, wie wir dies ganz besonders bei Arndt finden, den man wohl als den bedeutendsten und volkstümlichsten unter den Dichtern der Freiheitskriege, unter unseren politischen Dichtern überhaupt, bezeichnen darf. DasVaterlandslied:

Der Gott, der Eisen wachsen liess,

Der wollte keine Knechte, steht neben Körners:

Das Volk steht auf, der Sturm bricht los!*¹) als das erhabenste Kampflied da, welches die Freiheitskriege uns gebracht haben.Aber eben darum, weil Schenkendorf weniger gewaltig und fortreissend, weniger energisch und laut in seinen Liedern auftritt, reflektiert er die Bilder jener grossen Zeit mehr in ihren bleibenden Motiven und in ihrer Zuständlichkeit als in den besonderen Glanz- und Lichtpunkten ihrer Thatsachen und Persönlich- keiten. Er vertritt mehr das Ethos als das Pathos seiner Zeit; er bringt mehr die Grundstimmung und das Gemeinschaftsgefühl der Zeit zum Ausdruck als das Lob einzelner Helden oder ihrer einzelnen Thaten. Dadurch wird er von selbst zu den Wurzeln und Quellen des Volkslebens, zur Volkssage und Volksgeschichte hingeführt. Er ist recht eigentlich der geschichtliche Sänger der Preiheitskriege.*) Seine Lieder gehen nicht aus von dem Elend und der Not der Gegenwart, in der sie entstanden, sondern von der bereits mächtig waltenden Gegenwirkung, die dieses Elend und diese Not aufhebt und vernichtet. Nicht Missmut über gekränkte Würde des Lebens, sondern helle Freude über dessen Wiederveredlung ist ihre vorzügliche Quelle. Sie ruhen, obgleich immer auf die Gegenwart sich beziehend und kräftig auf dieselbe einwirkend, dennoch mit ihrem geheimsten Leben auf der bereits geahnten Zukunft, einer Zukunft, nach jener glorwürdigen Herrlichkeit gebildet, welche deutscher Vorzeit eigen war. Diese Vergangenheit, in welcher das, was dem Vaterlande wesentlich eigen- tümlich genannt werden muss, bereits zur Vollendung reichhaltig ausgebildet erscheint, hat das Gemüt des Dichters mit heiteren Strahlen der Schönheit durchdrungen und sich ihn ganz angeeignet. So heisst es in dem GedichtErinnerungen auf dem alten Schlosse zu Baden(1814):

Und wie die Epheuranke V Die Lust an den Geschichten Den Felsenbau umzieht, Von alter Kraft und Treu, Ist's auch nur ein Gedanke, Der Glaube, dass wir neu Der unser Herz durchglüht: Der Väter Haus errichten. ³)

Aber trotzdem ist er frei von jener krankhaft sentimentalen Vergötterung des Mittelalters, die wir bei den Hauptdichtern der romantischen Schule, namentlich bei Novalis finden;er erstrebt nicht eine mechanische Wiederholung abgestorbener Lebensformen, sondern sucht im Mittelalter nur die Grundformen des Lebens auf, in denen sich ihm das Urbild der deutschen Volksnatur am getreuesten abzuspiegeln scheint. Vor der Gefahr, sich ganz der Betrachtung untergegangener

1) Eingangsworte vonMänner und Buben. 2) nach Herbst pag. 35. 3) s. Wiener Literaturzeitung l. c.; Gedichte pag. 117.