— 7
Stets mahnte er, die Altertümer nicht zu veräußern und auf ihre Erhaltung bedacht zu sein. Ihm schwebte ein Museum vor, wo alle Zeugen der wechselvollen Vergangenheit des Bodens, auf dem Friedberg steht, sachlich und zeitlich geordnet, Auf- nahme finden sollten. Also eine Sammlung strebte Dieffenbach an, welche die viertausendjährige Geschichte unserer engeren Heimat sichtbar und greifbar veranschaulicht hätte, eine Samm- lung, die uns auf den ersten Blick gezeigt haben würde, wie wir alles, was wir sind und haben, nur dem Schweiß und Blut vieler schaffender und ringender, längst zu Staub zerfallener Geschlechter verdanken.
Nur so wird sich der Mensch fürwahr, der Ge- samtheit des Volkes zum Heil, bewußt, was ihn denn eigentlich an die Heimatscholle, an das Vaterland, fesselt.
Aber Dieffenbach predigte tauben Ohren. Kurzsichtigkeit und Beschränktheit war es freilich nicht allein, weshalb Dieffen- bachs Mahnungen wirkungslos verhallten, Die Zeitläufte nach den Befreiungskriegen waren zu traurig. Nirgends flossen reichere Mittel. Ein Volk hat aber bekanntlich erst dann für Wissenschaft und Kunst Sinn, wenn es zu einem gewissen Wohl- stand gelangt und der dringendsten täglichen Sorgen ent- hoben ist.
Hätte die Stadt Friedberg sich all das erhalten, was trotz Dieffenbachs Warnungen nach auswärts wanderte, dann besäße Friedberg heute ein Museum und ein Archiv von unvergleich- lichem Wert. So aber mußte es Dieffenbach geschehen lassen, daß anfangs der 20 er Jahre des vorigen Jahrhunderts die in der Sakristei der Stadtkirche aufgefundene Dirigierrolle des Friedberger Fronleichnamsspieles ³²) und die kost- baren Spielgewänder des fünfzehnten und sechszehnten Jahr- hunderts nebst Holzschnitzereien, Reliquienbehältern und anderem Kirchengerät verschleudert wurden. Und wo sind die fünfzehn Altäre³³) hingekommen, die man 1844—47 aus der Lieb- frauenkirche entfernte? Zwei von ihnen sind heute Zierden des Darmstädter Museums und in Backs Prachtwerk über mittel- rheinische Kunst ³⁴) eingehend gewürdigt. Wo sind weiterhin die Fahnen der Zünfte ³⁵), die rings um die Säulenpfeiler der Stadtkirche standen, wo die 1842—47 verschleppten Abzeichen der Zünfte dortselbst, wo die Truhen, die Dieffenbach noch sah? Schuld an diesen unersetzlichen Verlusten trägt die damalige Stadtverwaltung, da sie nicht für wenig Geld diese und andere, jetzt gar nicht mehr bezahlbare Kostbarkeiten fremden Käufern überließ. Und wie ging es denn, als Ende der 1830er Jahre Engländer das sogenannte Lutherschwertse) des Reichs-


