Aufsatz 
Das Wort. Eine Rede
Entstehung
Einzelbild herunterladen

38

möchte, den Geiſt der Wahrheit und Tröſtung, damit er die Augen unſerer Vernunft hell mache, unſer Herz erweiche und ermuthige, unſern Willen kräftige und befeſtige, und wir immer ſeiner Mahnung eingedenk ſeyn mögen: Wachet und be⸗ tet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet; der Geiſt iſt willig, aber das Fleiſch iſt ſchwach.

Nicht geringere Verantwortlichkeit trifft den Hörer des Wortes: er ſoll der Läge ſein Ohr verſchließen, das Gute aber zu ſeinem Eigenthum machen. Was nun ein Menſch iſt, das irrt; wir aber ſind Männer, Ihr ſeyd Jünglinge und Knaben; und Ihr habt wol ſchon einmal das Urtheil deſſen gehört, qui nil molitur inepte:

Immer ja flattert das Herz den Jünglingen; doch wo ein Alter Zwiſchentritt, der zugleich vorwärts hinſchauet und rückwärts, Solcher erwägt, wie gedeihe die wechſelſeitige Wohlfahrt.

Das Verhältniß zwiſchen Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern iſt heilig, weil es heilig iſt; ſo wie eine Tugend iſt, weil ſie iſt, und ein heiliger Gott, weil er iſt. So wie Gott dem Menſchen nicht lügen kann, ſo auch dem Kinde nicht die Eltern, dem Schüler nicht der Lehrer. Wie der Menſch Gott lieben muß, und Gott den Menſchen; das Kind ſeine Eltern, und die Eltern ihr Kind lieben müſſen: nicht anders muß der Schüler den Lehrer, der Lehrer den Schüler lieben. Liebe aber iſt des Geiſtes Frucht D, und das iſt die Liebe zu Gott, daß wir ſeine Gebote halten).

Alſo muß Euer Herz beſtellet ſeyn; nur Gutes dürft Ihr Euch von Euerm Lehrer verſehn, und auch dann niemals einem Zweifel Raum geben, wenn Ihr von ihm eine andere Sprache oder Handlungsweiſe erwartet hättet. Ein frommes Kind bedeckt und entſchuldigt gern die Schwächen und Mißgriffe der Eltern, und trägt ſelbſt unverdiente Härte in Geduld: alſo auch der gute Schüler die des Lehrers, und er bedenkt, daß dieſer ein Menſch ſey, ſein Beruf mühſam und ſchwer, ſeine Erfahrungen nicht ſelten niederbeugend und verſtimmend, und daß die Unſchuld ſich doch gar bald zu bewähren pflege und auch vom Lehrer freudig werde anerkannt werden.

d Galat. 5, 22. ††) 1 Joh. 5, 3.