7 ben. Hier iſt nichts groß, nichts klein; nichts, was nicht der Erkenntniß werth, nichts, was nicht zugleich nützlich und ſchädlich zu wiſſen wäre. Das Wort eines Bett⸗ lers, eine gewöhnliche Stadtgeſchichte, die Schrift auf dem Aushängeſchild eines Hand⸗ werkers, dieſes oder jenes Verſtändniß einer winzigen Partikel, die Kenntniß oder Un⸗ kunde eines phyſikaliſchen Satzes, eines hiſtoriſchen Datums, dieſe oder jene Auffaſ⸗ ſungsart eines Ausſpruches von einem gewichtigen Manne,— wo es ſich denn ereig⸗ nen kann, daß man meint, Chriſtum lieb haben wäre beſſer, als Alles wiſ⸗ ſen ¼), während von einer alle Erkenntniß übertreffenden Liebe Chriſti die Rede war,— kurz, jedes, auch das kleinſte, Moment einer Gedankenbewegung kann auf die ſteile, enge Bahn der Tugend oder zur breiten Straße des Laſters führen.
Denn die Menſchencombinationen ſind unbegränzt, und die bloße Ahnung eines Begriffes in einem entlegenen Winkel der Seele erhebt ſich plötzlich, wenn ſeine Zeit kommt, zu einem Giganten, der Götter befreit, oder den Himmel ſtürmt, und lawi⸗ nenartig ballen ſich hundert und aber hundert neue Begriffe als eben ſo viele Rieſen⸗ arme dem erſten an, und wo ein Wort geſprochen wird, da ſtreiten um ſeine Wir⸗ kung bei den Hörenden jeder Zeit ein Engel und ein Teufel mit einander; die Allweis⸗ heit aber giebt den Ausſchlag.
Mit Gift, Pulver, Feuer, Scheermeſſern ſind wir vorſichtig, aber ein Wort werfen wir unbeſorgt, was es anrichten könne, auf die Gaſſe. Und doch warnt der, welcher auf dem Stuhle der Herrlichkeit ſitzen wird: Ich ſage euch, die Menſchen werden am Tage des Gerichtes Rechenſchaft geben müſſen von jedem unnützen Worte, das ſie geredet haben. Nach deinen Wor⸗ ten wirſt du gerechtfertiget, und nach deinen Worten wirſt du verdam⸗ met werden 1t).
Hört Ihr, mit welcher ſchweren Verantwortlichkeit der Ewigfreundliche das leichtfer⸗ tige Wort belaſtet?
Das war es, warum mir bange ward, und was mich flehend aufblicken hieß zu dem, welcher auch im Schwachen ſtark iſt, daß er uns ſeinen guten Geiſt herabſenden
†) Epheſ. 3, 19. Die richtige uͤberſetzung dieſer Stelle erſcheint ſchon in den 1534., 1535. und 1541. zu Wittenberg, ſo wie in den 1543. zu Leipzig, gedruckten Luth. Bibeln.
Tt) Matth. 12, 36.


