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Nur bei ſolcher Überzeugung kann das Geiſteskorn, welches wir in Eure Seelen zu ſtreuen von Gott durch die Obrigkeit gewürdigt ſind, fröhlich aufſprießen und näh⸗ rende Frucht bringen: nur wo Liebe, Vertrauen und Hoffnung walten, nur da gedeiht ein Menſchenwerk.
Deshalb bitte ich Euch, Ihr Jünglinge und Knaben, nehmt mich freundlich als Euern Lehrer hin; höret mit vertrauensvoller Aufmerkſamkeit künftig auch auf mein Wort; ſeyd auch mir gehorſam, habt auch mich lieb, und zweifelt niemals an meiner Liebe, und an dem redlichen Beſtreben, Euer Beſtes zu fördern. Gewiß täuſche ich mich nicht, wenn ich mir dieſe Geſinnung von Euch verſpreche. Denn wiſſet, ich denke alſo: Die Jugend, welche des Menſchen Sohn ſo gern hatte, iſt offen, ohne Falſch, lenkſam, ſchließt ſich leicht an, und ihre Liebe zu gewinnen, dazu gehört nicht mehr und nicht weniger, als ſie ſelbſt auch zu lieben, ſie zu verſtehen, ſelbſt auch eine Jugend gelebt zu haben, und nun ein Mann geworden zu ſeyn, der ſelbſt auch Wiſ⸗ ſenſchaft liebt und eifrig bemüht iſt, das Gute nach Kräften zu lehren, gerecht zu ſeyn gegen alle, jede Ungebührlichkeit aber in dem Maße, wie ſie es verdient, als eine ſolche zu behandeln.
Dieß iſt mein Lehrerglaubensbekenntniß, welches ich Euch nicht vorenthalten wollte. Es hat ſich mir daſſelbe ſeit einer Reihe von Jahren als wahr bewährt, wie ich bei meinem Abſchiede von Cleve meinen dortigen Schülern freudig bezeugen konnte, und ich bin der feſten Zuverſicht, daß auch Ihr ſeine Richtigkeit auf das ſchönſte beſtätigen wer⸗ det. Wahrlich ich ertrüge es nicht, wenn ich auf meiner Lebensfahrt an dieſer Klippe ſcheiterte!— Das möge der allgütige Gott nicht wollen!—
Sie, werthe Herren Kollegen, und Sie, hochverehrter Herr Director, kann ich nicht bitten, mich freundlich als den Ihren hinzunehmen; denn als kaum mein Fuß dieſe Stadt betreten, ja noch ehe ich Sie von Angeſicht geſehen hatte, haben Sie mich wie einen Freund gehalten, und mir Gutes und Liebes gethan. Empfangen Sie dafür hiermit öffentlich noch einmal meinen wärmſten Dank! In der That, daß ich bei ſolchen Männern bereits ſo lautern Geiſtesanklang fand, könnte mein Selbſtgefühl in keinem geringen Maße erhöhen, wenn nicht Selbſterkenntniß mich dieß Glück mehr Ihrer Güte, als meiner Perſönlichkeit zu⸗ ſchreiben hieße. Bewahren Sie mir dieſe Nachſicht: ſo viel an mir liegt, ſoll dieſes ſchöne Band, welches uns zu umſchlingen begonnen hat, in treuem Mitarbeiten an die⸗ ſem Weinberge des Herrn, in gemeinſamen Trachten nach dem Edeln und rechter, äch⸗ ter Männlichkeit, und in herzlicher Freundſchaftserwiederung, immer feſter geknüpft wer⸗
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