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oft verſchroben oder unzutreffend erregen noch gar manche Bemerkungen Anſtoß. So I 1, 6„dei terrar. domini bezeichnet die Mächtigen auf der Welt. So hießen auch die Kaiſer.“ 35 si me lyr. vat. inseris]„Zu alexandriniſcher Zeit hatte man einen Kanon von Dichtern der verſchiedenen Gattungen aufgeſtellt(neun lyriſche Dichter).“ 4, 5 imminente Luna]„und darüber ſteht L.— ſcheinbar ganz moderner Zug.“ 11 umbros. lucis]„denn in dieſen Gegenden iſt auch im Winter Vegetation vor⸗ handen.“ 13 mors pulsat]„Moderne Dichter(vgl. Storm: Der Nebel ſteigt, es fällt das Laub) machen nur die Schönheit der Natur zum Beweggrund des Lebensgenuſſes und beſchwören nicht das Schreckbild des Todes herauf.“ Im ſelben Ideenkreis, nur in umgekehrter Richtung bewegt ſich die tiefſinnige Reflexion, die R. zu IV 7, 16 Schneidewin entlehnt:„Es iſt nur unſre Abgeſtumpftheit durch die großen und kleinen Angelegenheiten des Lebens, wenn wir für die ungeheure Tatſache des Dahinſterbens der Menſchen ſo wenig Sinn und Gefühl haben, daß uns die Hinweiſung darauf als Trivialität erſcheint.“ I 10, 13 Atridas] Die beiden Brüder werden auch bei Homer oft da zuſammen genannt, wo doch nur Agam. gemeint iſt.“ 23, 5 adventus veris]„Der Frühling hat eine ſo kurze Dauer, daß er immer nur einziehend gedacht wird. Jul. Wolff: Da kam der Lenz herbeigezogen Voll Glanz und Pracht durchs eigne Haus... Der Frühling kann erſt empfunden werden, wenn ſchon Blüten da ſind. Auch erſtirbt die Vegetation in Italien nie ganz.“ II 20, 14 visam litora Bosp.]„visam ſehen. Der moderne Dichter„grüßt“ aus der Höhe“. 15 canorus ales]„Dieſe Vorſtellung war den Alten noch geläufiger, weil ſie ſich den Dichter auf dem Flügelroß Pegaſos reitend dachten.“ Was hat der P. mit dem Singſchwan zu tun? III 2, 14 mors et fugacem pers. virum„begründend, obwohl für unſer Sittlichkeitsgefühl eine ſolche Klugheits⸗ begründung beſſer fehlte.“ 4, 38„finire labores heißt ein Leben der Wiſſenſchaften und der Geiſtes⸗ reenerung beginnen, mit dem praktiſchen Leben ein Ende machen. So wiſſen wir, daß Virgil dem
Kaiſer die Georgika vorgeleſen hat.“ 6, 46 peior avis]„Die Vergleichung iſt in einer uns nicht ge⸗ läufigen Weiſe abgekürzt aus peior aetate avorum.“ Warum nicht kurz wie II 6, 14 und 14, 28 „Comparatio compendiaria“? 1, 16 late signa feret militiae tuae]„Folgende Ordnung der Worte 1. militae s. f. tuae würde der gewohnten Wortſtellung des Dichters in askl. Verſen mehr entſprechen“ (faſt wörtlich nach Nauck). Soll H. damit korrigiert werden? Er geht auch ſonſt gelegentlich dem Mittelreim aus dem Wege, wie es für den Stabreim R. ſelbſt zugibt(I 21, 9).
Weit ſeltner ſind die Fälle, wo eine erläuternde Anmerkung vermißt wird, doch fehlen auch ſolche nicht. So wird zu II 2 die Angabe der aus Acron bekannten Tatſache vermißt, weshalb dem Proculeius ein animus in fratres paternus zugeſchrieben wird. Das etwas dunkle pacis eras mediusque belli II 19, 28 wird in keiner Weiſe verſtändlicher durch die Bemerkung:„medius mit dem Genetiv von der Wurzel med, die wir in uë5», medicus, modus haben. Vgl. Liv. IX, 14: quae aliis modum pacis ac belli facere aequum censeret.“ Kurz und treffend ſagt Nauck:„m.= arbiter, minister, Ver⸗ mittler.“ turpe solum II 7, 12 hätte ein erläuterndes Wort verdient. Auch zu discere nectaris sucos III 3, 33 bedarf der Schüler einer Erklärung, ebenſo zu vectigalia porrigere III 16, 40. Und wer war Monaese; III 6, 92
11. Wer hat ſchon einmal von geographiſcher Poeſie gehört? III 4, 29 ſagt Horaz: Wenn ihr Muſen nur bei mir ſeid, will ich mich gern auf den ſtürmiſchen Bosporus, in die Sandwüſten Syriens, unter die ungaſtlichen Britannier und Skythen wagen. Dieſe„Beiſpiele der Freude der Dichter an dem fremdartigen Reiz entfernter Gegenden, die der Phantaſie großen Spielraum laſſen,“ nennt R.„geographiſche Poeſie.“ Der Ausdruck findet ſich ſchon in der Anm. zu 3, 55 qua parte debacch. ignes:„Geographiſche Poeſie, wie ſie auch unſeren Dichtern in der Beſchreibung(!) der Grenzen Deutſchlands ſo lieb war.“ Was er damit meint, zeigt die Notiz zu Ep. 1, 12 per Alpium iuga inhosp. et Caucas.:„Auch i in der deutſchen Dichtung haben wir dieſe Art geographiſcher Poeſie, z. B. in der Antwort auf die Frage: Was iſt des Deutſchen Vaterland“? Vgl. zu I1 20, 13.
12. Schon unter den früher angeführten Sätzen R.s ſind viele, die in Auffaſſung und Ausdruck als geradezu kindlich erſcheinen. So die Vorſtellung von Sappho als mißverſtandener Frauen⸗ rechtlerin, vom Tod, der das Dah des Hauſes„hörbar betritt“, die Behauptung, die Jagd ſei im Altertum weniger eine Schule des Mutes geweſen als heute u. a. m. Unter denſelben Geſichtspunkt fallen zahlreiche andre Bemerkungen des Verf. Wie kindlich iſt doch die Notiz zu III 7, 21„Ikaros iſt eine Inſel im Ikariſchen Meere“! Es fehlt nur noch die Angabe, ſie ſei nach ihm benannt. Und doch muß dieſe Notiz das Ergebnis reiflichen Nachdenkens ſein, da ſie ſich erſt in der neueſten Auflage findet. Zu I 9, 9 permitte divis cetera:„leider nicht vom eigentlichen Gottvertrauen zu verſtehen, ſondern Phraſe“ u. ſ. w. Zu I 25, 4 amat ianua limen:„will ſich von der Schwelle nicht trennen,


