Aufsatz 
Horaz und Rosenberg. Kritische Beiträge zur Erklärung der Oden des Horaz
Entstehung
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Bemerkung, die ganz ſinnlos iſt, wenn das Mädchen ſelber ſpricht. 1 28, 30 neglegis imm. nocituram postmodo te natis fraudem committere? forset deb. iura vicesque sup. te maneant ipsum. Die Handſchr. bieten forset, fors et und fors an, meiſt und mit Recht adverbial aufgefaßt(= forsitan). Andere(Ritter, Nauck) faſſen fors als reines Subſtantiv, dem iura und vices gleichſtehend. Die Frage ſoll dann einen Bedingungsſatz vertreten und der Sinn der ſein: Wenn du es gering achteſt ein Unrecht zu begehen, das ſich an deinen Kindern rächen wird, dann ſoll das Geſchick dich ſelber treffen. Allein der ganze Gedanke iſt ſchief; er zerſtört die klare, logiſche Alternative: Die Pietätloſigkeit wird ſich rächen, viel⸗ leicht an deinen Nachkommen, vielleicht aber auch an dir ſelbſt; auch iſt fkors im Sinne von Unglück, ſtrafendes Geſchick nirgends erweislich. Wie verfährt nun R.? Er findet bei Nauck die Notiz:Die Frage erſetzt auf lebhafte Weiſe den Vorderſatz und ſchreibt es ihm gläubig nach; allein im Text behält er das adverbiale forset, das jene Auffaſſung ſchlechterdings ausſchließt. I 20, 7 iſt vom Beifallsgeſchrei der Menge im Theater die Rede, das am Vatic. mons widerhallt. Meiſt verſteht man das naturgemäß vom Vatikan, der dem Theater(des Pompejus) gegenüber liege. Letzteres beſtreiten manche(ſ. Kießling), und Elter erklärt demgemäß m. Vatic. als das Janiculum. R. bringt es fertig beiden Deutungen gerecht zu werden, indem er V. 3 auf das Theater des P. bezieht,welches dem Mons Vaticanus gegenüberlag, zu V. 7 aber bemerkt:Mons Vat. iſt der Berg im Vatikaniſchen, d. h. m. Janiculus. III 4, 1 dic a. tibia melos. Wenn(Na.. u. a.) das melos vel abx«izéy vel orntueey vel**αeραοση der Muſe allein zufällt, dann iſt R.s Notiz allenfalls erträglich:tib. Abl. instrum., als ob die Flöte das Lied allein ſchonblieſe; ſie wäre es wenigſtens in der Form, die er ihr zu I 12,) gibt(Quem vir... lyr. vel tib.):als ob die Töne der Leier oder Flöte ſchon verſtändliche Worte gäben. Aber R. überſetzt ja hier wie dortzur Flöte(Leier), nimmt alſo mit Ritter an, der Geſang der Muſe werde von einem Flöten⸗(Zither⸗)ſpieler begleitet, und dann iſt die Notiz einfach abſurd. Übrigens zeigt die Zuſammenſtellung dic(seu) tibia seu voce seu fid., daß die erſte Auffaſſung allein richtig iſt. dic(laß ertönen) melos tibia iſt ebenſo einwandfrei wie die carmina der Leier und Flöte IV 1, 23.

Zu IV 14, 30 agmina ferrata diruit bemerkt er, eine Vermutung Kießlings aufgreifend:Denn die erſten Reihen waren durch eiſerne Ketten miteinander verbunden, überſetzt aber trotzdem ferrata gepanzert ſtattzuſammen geſchmiedet. Auch ſonſt fehlt es nicht an Widerſprüchen. I 20, 1 wird mit Recht bezweifelt, daß H. auf ſeinem Gute Wein gebaut habe(vgl. Epi. I 14, 23); III 8, 12 aber behauptet er beſtimmt(nach Kieß.):Erſter Jahrgang ſeines eignen Weinbaus. Zu III 1 Odi prof. volgus ſagt R.:O. nicht haſſen, ſondern etwa ihn ſich ſern halten. Überſetze: Mich ekelt des. Der erſte Ausdruck wäre richtig, wird aber eher für arceo in Anſpruch genommen. Das viel zu ſtarke mich ekelt(vgl. I 8, 4. III 24, 31) ſteht dazu in ſchroffem Kontraſt, und wenn R. fortfährtprof. v. den ungeweihten(?) Pöbel, ſo ergibt ſich ein neuer Widerſpruch(Caſus!)

Anderſeits ſind manche Bemerkungen R.s einfach unverſtändlich. Iſt das Streben nach Kürze. ſchuld daran? Das iſt kaum anzunehmen bei einem Autor, der ſonſt ſo breit ſchreibt wie in folgen⸗ dem Fall: I 33, 5 insign. tenui fronte]Je ſchmaler oder niedriger die Stirne wegen des Reichtums an Locken(?) war, deſto ſchöner ſchien ein Mädchen dem Geſchmacke des Altertums. Ein andrer hätte kurz und richtiger geſagt: Eine niedrige Stirn galt als ſchön. Unverſtändlich ſind z. B. folgende Sätze: I 1, 14 M. pav. nauta secet mareDer zage Schiffer ſieht überall nur Meer. 20 p. s. demere de die]dem. hängt von de die ab(!). Subtraktionsexempel(!). III 28, 13 summo carminedas Gedicht auf ſeiner Höhe ſoll gelten. III 8, 23laxo arcu enthält einen dem meditantur gleichgeord⸗ neten Begriff. 13, 3 cras donab. hazdodie Quelle war alſo in ſeinem dauernden Beſitz.

4. Seltſam berührt auch eine weitgehende Prüderie, die in ihrernordiſchen Schamhaftig⸗ keit(O. Jäger) eine ebenſo unrömiſche wie ungriechiſche Auffaſſung verrät. Die Grazien III 19, 17 und IV 7, 6 ſind nichtleichtgeſchürzt oderin leichtem Gewande, ſondern buchſtäblich nackt. Auf⸗ fallend genug glaubt auch Nauck zu III 27, 52 ut. inter errem nuda leones beifügen zu müſſen, nuda einfach die Bezeichnung völliger Hilf- und Wehrloſigkeit verliere das Anſtößige durch den ſprichwörtlichen Charakter der Redensart. Integra als Beiwort der Diana III 4, 70 findet R. derb. In der 3. Aufl. hieß es auch zu I 7, 5 intactae Pall.wir weniger derb: jungfräulich. Das Ver⸗ fahren iſt überdies unpädagogiſch; wozu die Schüler auf die vermeintliche Derbheit aufmerkſam machen? Zu II 8, 24 tua ne retardet aura maritos:Ohne das derbe Bild: Liebreiz. aura heißt Laune(III 2, 20) oder Odem, Hauch; minder wahrſcheinlichder die Segel ſchwellende Lufthauch, die glückliche Fahrt verheißenden Gunſtbezeugungen(Kie.). Um da etwas Derbes zu finden, muß man auf die hier ganz

¹) Ahnlich III 11, 7 dic modosals ob das Spiel der Saiten auch ohne Worte verſtändlich wäre!